Die Europäische Kommission hat ihre neue Strategie für die Gleichstellung der Geschlechter für den Zeitraum 2026 bis 2030 vorgestellt. Sie soll die Fortschritte der vergangenen Jahre sichern, bestehende Lücken schließen und auf neue Herausforderungen reagieren. Die Strategie deckt alle Lebensbereiche ab – online wie offline – und setzt darauf, Frauen und Mädchen zu stärken, Männer und Jungen einzubeziehen und gesellschaftliche Rückschritte bei Grundrechten entschlossen zu bekämpfen.
Nach Einschätzung des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen würde es ohne zusätzliche Maßnahmen noch rund fünf Jahrzehnte dauern, bis die EU eine vollständige Gleichstellung erreicht. Angesichts deutlicher Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten sollen die im Jahr 2025 verabschiedeten Ziele des Fahrplans für Frauenrechte nun in konkrete und verbindliche Schritte umgesetzt werden.
Verstärkte Maßnahmen im Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt
Ein zentraler Pfeiler der neue Strategie ist der Ausbau des Schutzes vor Gewalt gegen Frauen, besonders im digitalen Raum. Die EU plant, Missbrauch durch Deepfakes und KI-generierte Deepnudes stärker zu bekämpfen und Frauen im Internet durch klare Regulierungsmechanismen besser zu schützen. Der strukturierte Dialog mit großen Plattformen im Rahmen des Gesetzes über digitale Dienste soll gewährleisten, dass Maßnahmen gegen Cybergewalt konsequent umgesetzt werden. Gleichzeitig unterstützt die Kommission die Umsetzung der Richtlinie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen sowie den 2026 vorgelegten EU-Aktionsplan gegen Cybermobbing, um Betroffene nachhaltig zu schützen.
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Männer und Jungen als aktive Partner der Gleichstellung
Die Strategie setzt erstmals deutlicher auf die Einbeziehung von Männern und Jungen. Die Kommission will untersuchen, wie Informationsmanipulation und digitale Narrative insbesondere junge Männer beeinflussen und zu einer zunehmenden Polarisierung beitragen. Gleichzeitig sollen Initiativen gestärkt werden, die gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung fördern. Männer sollen ermutigt werden, die Vorteile einer geschlechtergerechten Gesellschaft für sich selbst zu erkennen und aktiv an positiven Veränderungen mitzuwirken.
Gesundheit als neuer Schwerpunkt in der Gleichstellungspolitik
Erstmals widmet die EU der Gesundheitsversorgung einen eigenen Abschnitt in ihrer Gleichstellungsstrategie. Ziel ist es, die Qualität und Zugänglichkeit medizinischer Leistungen für Frauen zu verbessern und geschlechtersensible Forschung sowie Diagnostik voranzutreiben. Gemeinsam mit der WHO entwickelt die Kommission eine Leitinitiative zur Frauengesundheit. Zudem soll geprüft werden, inwiefern eine geschlechterdifferenzierte Überwachung von Arzneimitteln möglich ist und wie klinische Prüfungen künftig die Vielfalt der Bevölkerung, einschließlich schutzbedürftiger Gruppen, besser abbilden können.
Mehr wirtschaftliche Teilhabe und neue Chancen in Forschung und Technik
Zur Stärkung des Wohlstands plant die Kommission den Start eines neuen Aktionsplans zur Förderung von Frauen in Forschung, Innovation und Start-ups. Gleichzeitig soll der Anteil von Frauen in MINT-Berufen erhöht werden, während das Konzept „Boys in HEAL“ junge Männer dazu motivieren soll, vermehrt Berufe in Gesundheit, Bildung, Verwaltung und Sprachkompetenz zu ergreifen. Die Strategie nimmt außerdem die Verringerung des geschlechtsspezifischen Lohn- und Rentengefälles in den Blick. Dazu gehören Unterstützung bei der Umsetzung der Entgelttransparenz-Richtlinie, Initiativen für einen besseren Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten für Unternehmerinnen sowie Austausch guter Praxis im Kampf gegen Menstruations- und Menopause-Armut.
Frauen in Politik und öffentlichem Leben stärken
Die Kommission will die politische Teilhabe von Frauen deutlich ausweiten und den Schutz von Frauen im politischen Alltag verbessern. Eine aktualisierte Bestandsaufnahme in den Mitgliedstaaten soll zeigen, welche Maßnahmen zur Steigerung der Sichtbarkeit und Führungsrolle von Frauen bereits wirken. Begleitend erarbeitet die Kommission eine Empfehlung zur Sicherheit in der Politik und geht verstärkt gegen Informationsmanipulationen und digitale Einflussnahme vor, die auf die Spaltung zwischen Frauen und Männern zielen.
Globale Verantwortung und neue internationale Initiativen
Auch auf globaler Ebene soll die Gleichstellung gestärkt werden. Die EU plant einen neuen Aktionsplan Gleichstellung IV ab 2028 sowie eine Neuauflage des Aktionsplans „Frauen, Frieden und Sicherheit“. Mit der neuen Leitinitiative „SHIELD“ sollen der Zugang zu sexueller und reproduktiver Gesundheit verbessert und Überlebende geschlechtsspezifischer Gewalt unterstützt werden – im Einklang mit einer wertebasierten europäischen Außen- und Entwicklungspolitik.


