Mit dem Projekt „EU Inc.“ legt die Europäische Kommission einen weitreichenden Vorschlag zur Vereinheitlichung des europäischen Unternehmensrechts vor. Ziel ist es, die bislang fragmentierten Rahmenbedingungen im Binnenmarkt aufzubrechen und Unternehmen ein einheitliches, digitales Regelwerk anzubieten, das Gründung, Expansion und Verwaltung deutlich erleichtert.
Zersplitterung bremst Europas Wirtschaft
Derzeit sehen sich Unternehmen in der EU mit 27 unterschiedlichen Rechtssystemen und über 60 Unternehmensformen konfrontiert. Diese Vielfalt führt zu erheblichem bürokratischem Aufwand, verzögert Unternehmensgründungen und erschwert insbesondere Start-ups die Expansion über nationale Grenzen hinweg. Zeit und Kapital fließen dadurch häufig in administrative Prozesse statt in Innovation und Wachstum.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
EU Inc. als „28. Regime“
Mit EU Inc. will die Kommission eine freiwillige, einheitliche Unternehmensform schaffen, die parallel zu den bestehenden nationalen Regelungen existiert. Unternehmen können sich gezielt für dieses Modell entscheiden und so rechtliche Hürden im Binnenmarkt umgehen. Ziel ist es, das volle Potenzial eines gemeinsamen europäischen Marktes besser auszuschöpfen.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte die strategische Bedeutung des Vorhabens: „Europa hat das Talent, die Ideen und den Ehrgeiz, der beste Ort für Innovatoren zu werden. Doch heute stehen Unternehmern 27 Rechtssysteme gegenüber. Mit EU Inc. machen wir es drastisch einfacher, ein Unternehmen in ganz Europa zu gründen und auszubauen.“
Gründung in Rekordzeit – vollständig digital
Ein Kernbestandteil des Vorschlags ist die drastische Beschleunigung der Unternehmensgründung. Künftig sollen Firmen innerhalb von 48 Stunden vollständig online gegründet werden können – für weniger als 100 Euro und ohne Mindestkapital. Das Prinzip „once only“ sorgt dafür, dass Unternehmensdaten nur einmal eingereicht werden müssen und anschließend automatisch zwischen Behörden ausgetauscht werden.
Digitale Infrastruktur als Rückgrat
EU Inc. setzt konsequent auf Digitalisierung über den gesamten Lebenszyklus eines Unternehmens hinweg. Von der Gründung über Verwaltungsprozesse bis hin zu Kapitalmaßnahmen sollen alle Abläufe digital erfolgen. Eine europäische Business Wallet dient dabei als zentrale Schnittstelle für Dokumente, Kommunikation und Behördengänge.
Mehr Kapital und bessere Talentgewinnung
Der Vorschlag sieht umfassende Erleichterungen bei Investitionen vor. Beteiligungen lassen sich einfacher übertragen, bürokratische Hürden bei Finanzierungen werden reduziert. Gleichzeitig sollen Mitarbeiterbeteiligungsprogramme EU-weit attraktiver werden, da die Besteuerung erst bei tatsächlicher Gewinnrealisierung erfolgt. Dies stärkt die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen im globalen Talentwettbewerb.
Scheitern ohne Stigma
Ein weiterer Fokus liegt auf der Reduzierung unternehmerischer Risiken. Digitale Liquidations- und Insolvenzverfahren sollen schnelle und kosteneffiziente Abwicklungen ermöglichen. Gerade Start-ups profitieren von vereinfachten Verfahren, die einen schnellen Neustart erleichtern und Innovation fördern.
Einheitlichkeit bei gleichzeitigen Schutzstandards
Trotz der Harmonisierung bleiben nationale Arbeits- und Sozialgesetze vollständig bestehen. Auch Mitbestimmungsrechte und bestehende Schutzmechanismen werden nicht angetastet. Eine klare Regulierung soll zudem Missbrauch verhindern und faire Wettbewerbsbedingungen sicherstellen.
Politischer Zeitplan und strategische Einordnung
Der Vorschlag ist Teil einer umfassenden Wettbewerbsstrategie der EU und greift zentrale Empfehlungen des Draghi-Berichts auf. Parallel plant die Kommission weitere Maßnahmen, etwa zur Kapitalmobilisierung, steuerlichen Vereinfachung und Förderung grenzüberschreitender Telearbeit.
Nun liegt der Vorschlag beim Europäischen Parlament und dem Rat. Eine Einigung wird bis Ende 2026 angestrebt. Mit EU Inc. verfolgt die EU ein ambitioniertes Ziel: einen echten Binnenmarkt mit einheitlichen Regeln, der Innovationen fördert und Europa als Unternehmensstandort nachhaltig stärkt.


