Der Handelsverband Deutschland (HDE) erhöht den Druck auf die europäische Geldpolitik: Der nicht unumstrittene digitale Euro müsse ein praktikables, schlankes und kostengünstiges Zahlungsinstrument werden – und nicht ein bürokratisches System, das bestehende Abhängigkeiten von internationalen Kartennetzwerken fortschreibt. Der Verband sieht in dem Projekt eine seltene Chance, Europas Souveränität im Zahlungsverkehr nachhaltig zu stärken. Bereits im November 2025 hatte der Verband eine „rasche Einführung“ gefordert.
Ein ambitioniertes EU-Projekt mit hohem Erwartungsdruck
Seit 2021 arbeitet die Europäische Zentralbank (EZB) gemeinsam mit den nationalen Notenbanken an der Ausgestaltung eines digitalen Zentralbankgeldes, das Bargeld in einer digitalisierten Wirtschaft ergänzen soll. Ziel ist es, Verbrauchern und Unternehmen ein staatlich garantiertes Zahlungsmittel anzubieten, das ähnlich sicher wie Bargeld funktioniert, aber für digitale Anwendungen optimiert ist.
Mit dem Start der Vorbereitungsphase im Oktober 2023 konkretisiert die EZB zentrale technische und rechtliche Fragen – etwa zur Offline-Fähigkeit, zum Datenschutz, zum Zusammenspiel mit Banken oder zur Rolle privater Zahlungsdienstleister. Die positiv stimmenden Testergebnisse wurden letztes Jahr veröffentlicht.
Gleichzeitig erarbeitet die Europäische Kommission einen Rechtsrahmen, über den Parlament und Rat frühestens 2026 entscheiden werden. Erst dann könnte eine tatsächliche Einführung erfolgen. Der Handel begrüßt das Projekt grundsätzlich, warnt jedoch vor einer zunehmenden Komplexität. HDE-Zahlungsverkehrsexperte Ulrich Binnebößel mahnt in einem neuen Statement, der digitale Euro dürfe nicht zu einem schwerfälligen Konstrukt werden, das die Erwartungen an Effizienz und Wettbewerb verfehle.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Kostenfrage rückt in den Mittelpunkt
Für den Einzelhandel steht die Kostenstruktur im Zentrum der Debatte. Rund 20 Milliarden Transaktionen werden jährlich allein in Deutschland abgewickelt. Die starke Marktposition internationaler Kartensysteme wie Visa und Mastercard führe zu steigenden Gebühren, die die Margen der Händler belasten – insbesondere Interchange-Entgelte und zusätzliche Scheme Fees.
Der digitale Euro könnte aus Sicht des HDE hier Fortschritte bringen: Als öffentliches Zahlungsmittel ohne Kreditrisiko für Banken müssten Zahlungen strukturell günstiger ausfallen. Zudem sei eine obligatorische Akzeptanz nur vertretbar, wenn die Kostenbelastung transparent und niedrig sei. Binnebößel fordert deshalb eine klare Obergrenze von maximal vier Cent pro Transaktion.
Kritik am Kompensationsmodell und an Haltegrenzen
Deutliche Kritik äußert der HDE an den Überlegungen, Banken und Wallet-Anbietern für die Bereitstellung der Infrastruktur zu vergüten – Kosten, die potenziell auf Händler übertragen werden könnten. Damit drohe nach Einschätzung des Verbands eine Reproduktion des bestehenden Interchange-Modells aus dem Kreditkartengeschäft.
Zudem sorgen geplante Haltegrenzen, die Abflüsse von Bankeinlagen verhindern sollen, für Unruhe. Händler warnen vor unnötigen Buchungsaufwänden und fordern langfristig Lösungen, die auch B2B-Zahlungen ohne zusätzliche Hürden ermöglichen. Solange grundlegende Kostenvorteile nicht klar erkennbar seien, lehne man eine generelle Akzeptanzpflicht des digitalen Euro ab.
Weichenstellung für Europas Zahlungsverkehr
Die kommenden Monate gelten als entscheidend: Während die EZB mit Marktteilnehmern technische Prototypen testet, verhandeln die europäischen Institutionen über den künftigen Rechtsrahmen. Im Fokus steht die Frage, ob der digitale Euro zu einem wettbewerbsfähigen Instrument wird – oder zu einem regulatorisch überladenen System, das mehr Pflichten als Vorteile schafft.
Für den HDE ist klar: Europa stehe vor einer strategischen Entscheidung. Ein effizienter, kostengünstiger digitaler Euro könne die Abhängigkeit von globalen Zahlungsdienstleistern reduzieren und die Wettbewerbsfähigkeit des Handels stärken. Ein schlecht gestaltetes Modell hingegen berge das Risiko eines teuren Fehlschlags. Die entscheidenden Weichenstellungen erwarten Experten für 2026.


