Die Stimmung in Europas Wirtschaft trübt sich deutlich ein: Laut der neuen „European Competitiveness Barometer“-Studie von Boston Consulting Group (BCG) ist der Optimismus unter europäischen Führungskräften seit dem Frühjahr 2025 um 15 Prozentpunkte gesunken. Der Grund: Viele hatten gehofft, dass nach dem symbolischen „Liberation Day“ im April 2025 spürbare Fortschritte bei der wirtschaftlichen Erneuerung Europas folgen würden – bislang jedoch vergeblich.
Ein breiter Konsens zwischen Bürgern und Unternehmensführung zeigt sich in der Forderung nach einem grundlegenden Kurswechsel. 96 Prozent der befragten Top-Führungskräfte und 85 Prozent der Bürger sind überzeugt, dass Europa umgehend seine wirtschaftlichen Interessen schützen muss, um gravierende Folgen für Wohlstand, Innovation und Beschäftigung zu vermeiden.
„Mehr Europa“ als Ausweg aus der Sackgasse
Die Studie basiert auf einer im November 2025 durchgeführten Umfrage unter 850 C-Level-Führungskräften sowie über 6.400 Bürgern in ganz Europa. Die Ergebnisse zeichnen ein klares Bild: Über 60 Prozent der Befragten sprechen sich für eine stärkere europäische Integration aus. Gemeint ist damit nicht ein genereller Machtausbau der EU, sondern gezielte Kooperation in strategisch wichtigen Bereichen. Ein Großteil der befragten Manager – rund 85 Prozent – sieht die EU in einer institutionellen Sackgasse und befürwortet deshalb eine Reforminitiative, getragen von einem Kern aus wenigen Ländern.
Die Prioritäten liegen dabei klar auf der Hand: Energie, Verteidigung, Kapitalmärkte und Innovation sollen gezielt gestärkt werden. 87 Prozent der Wirtschaftsführer fordern Steuerentlastungen, flexiblere Arbeitsgesetze und schlankere Regulierungen. Auch die Idee einer europäischen Innovationsagentur nach Vorbild der US-Behörde DARPA findet breite Zustimmung.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Nationale Unterschiede, aber gemeinsames Ziel
Trotz eines gemeinsamen Grundtenors unterscheiden sich die Perspektiven je nach Land erheblich. Besonders skeptisch sind die Bürger in Frankreich und Deutschland, wo nur 27 beziehungsweise 29 Prozent noch an Europas wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit glauben. Auch unter den Führungskräften liegt der Optimismus in beiden Ländern bei lediglich rund 60 Prozent.
Deutlich positiver fällt das Bild in Italien aus: Dort ist der Optimismus unter Managern seit 2025 auf 81 Prozent gestiegen. Gleichzeitig sprechen sich 88 Prozent der italienischen Bürger für eine stärkere Einbindung von Wirtschaftsführern in politische Prozesse aus – ein Signal für neues Vertrauen in unternehmerisches Engagement.
In Spanien, Skandinavien und anderen Regionen bleibt die Stimmung verhalten, doch auch hier gibt es starke Mehrheiten für mehr europäische Zusammenarbeit – ein Ausdruck der verbreiteten Überzeugung, dass die EU nur gemeinsam den Herausforderungen gewachsen ist.
Manager fordern Mitsprache – und brauchen Rückhalt
Die Studie zeigt auch, dass die Bereitschaft der Unternehmensführung zur aktiven Mitgestaltung groß ist. 93 Prozent der befragten CEOs wünschen sich eine stärkere öffentliche Rolle in der europäischen Wirtschaftspolitik. Gleichzeitig äußern sie Bedenken: Reputationsrisiken und mangelnde politische Offenheit erschweren das Engagement. Dennoch sprechen sich 91 Prozent für die Gründung einer europäischen CEO-Arbeitsgruppe auf EU-Ebene aus.
„Europas Wirtschaftsführer suchen nicht nach Zustimmung, sondern nach einer Plattform“, so Sylvain Duranton von BCG. „Wenn die Institutionen den Raum öffnen, sind sie bereit, Verantwortung zu übernehmen.“


