Die Dekarbonisierung der globalen Modeindustrie wird zunehmend zu einem zentralen wirtschaftlichen Thema. Ein gemeinsames Whitepaper der H&M Group und der Beratungsgesellschaft EY zeigt, dass Investitionen in klimafreundliche Lieferketten nicht nur ökologische Ziele unterstützen, sondern auch langfristigen Unternehmenswert sichern können.
Lieferketten als Hauptquelle der Emissionen
Die Modebranche verursacht laut Studien zwischen zwei und acht Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Der überwiegende Teil davon entsteht nicht bei den Marken selbst, sondern in der vorgelagerten Lieferkette. Mehr als 95 Prozent der Emissionen großer Modeunternehmen fallen in sogenannten Scope-3-Bereichen an – etwa bei Rohstoffproduktion, Textilverarbeitung oder Konfektion.
Diese komplexen und global verteilten Produktionsnetzwerke machen die Transformation besonders anspruchsvoll. Gleichzeitig steigt der Druck durch strengere Regulierung, steigende Energiekosten und zunehmende Klimarisiken.
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Investitionsbedarf in Milliardenhöhe
Um die Branche bis 2050 klimaneutral zu machen, sind nach Schätzungen Investitionen von bis zu 1,04 Billionen US-Dollar erforderlich. Ein Großteil dieser Mittel wird für Maßnahmen bei Lieferanten benötigt, etwa für energieeffizientere Produktionsanlagen, den Einsatz erneuerbarer Energien oder die Elektrifizierung industrieller Prozesse.
Gerade kleinere Zulieferer haben jedoch häufig nur begrenzten Zugang zu Kapital. Viele Klimaprojekte amortisieren sich erst über mehrere Jahre, was Investitionsentscheidungen zusätzlich erschwert.
Drei zentrale Hindernisse für Klimainvestitionen
Das Whitepaper identifiziert drei wesentliche Herausforderungen, die Fortschritte in der Branche bremsen. Erstens fehlt häufig eine klare wirtschaftliche Bewertung langfristiger Klimainvestitionen. Finanzverantwortliche stehen vor dem Spannungsfeld zwischen kurzfristiger Rentabilität und langfristiger Nachhaltigkeit.
Zweitens erschweren komplexe und fragmentierte Lieferketten Transparenz und CO₂-Bilanzierung. Oft bestehen nur begrenzte Daten über Emissionen jenseits direkter Zulieferer.
Drittens sind viele bestehende Finanzinstrumente nicht auf die Struktur der Modeindustrie zugeschnitten. Projekte sind häufig klein, auf viele Lieferanten verteilt und haben lange Amortisationszeiten.
Dekarbonisierung als strategische Investition
Die Autoren argumentieren, dass Investitionen in klimafreundliche Produktionsstrukturen nicht nur Risiken reduzieren, sondern auch neue wirtschaftliche Chancen schaffen können. Unternehmen können sich damit gegen steigende CO₂-Kosten, Energiepreisschwankungen und regulatorische Anforderungen absichern.
Gleichzeitig eröffnen sich Wettbewerbsvorteile durch effizientere Lieferketten, besseren Zugang zu nachhaltigen Finanzierungsinstrumenten sowie eine stärkere Markenwahrnehmung bei Konsumenten.
H&M setzt auf strukturierte Klimainvestitionen
Als Beispiel für einen strukturierten Ansatz verweist das Whitepaper auf die sogenannte Green Investment Function der H&M Group. Diese Initiative bewertet Klimaprojekte systematisch, etwa anhand der Kosten pro eingesparter Tonne CO₂, und stellt gezielte Budgets für Dekarbonisierungsmaßnahmen bereit.
Nach Schätzungen des Unternehmens liegen die durchschnittlichen Kosten für die Reduktion einer Tonne CO₂ in der Lieferkette bei etwa 70 US-Dollar.
Praxisbeispiel: Green Fashion Initiative
Ein konkretes Umsetzungsprojekt ist die Green Fashion Initiative von H&M. Das Programm unterstützt Lieferanten bei der Finanzierung klimafreundlicher Technologien und bietet technische Beratung sowie Zugang zu günstigen Finanzierungsmöglichkeiten.
Gefördert werden beispielsweise energieeffiziente Maschinen, Wärmepumpen oder Projekte zur Nutzung erneuerbarer Energie. Seit dem Start im Jahr 2022 wurden mehr als 20 Projekte umgesetzt, die zusammen ein Potenzial zur Reduktion von rund 148.000 Tonnen CO₂ haben.
Kooperation als Schlüssel zur Transformation
Ein zentrales Ergebnis des Whitepapers ist, dass die Dekarbonisierung der Modeindustrie nur durch branchenweite Zusammenarbeit gelingen kann. Marken, Zulieferer, Banken, Investoren und öffentliche Institutionen müssen gemeinsame Finanzierungsmodelle entwickeln.
Besonders vielversprechend gelten sogenannte Blended-Finance-Modelle, bei denen Kapital aus verschiedenen Quellen kombiniert wird. Durch die Bündelung vieler kleiner Projekte können Investitionen skaliert und Risiken verteilt werden.
Das Whitepaper versteht sich daher als Leitfaden für Finanzverantwortliche in der Modebranche. Ziel ist es, Nachhaltigkeitsziele stärker mit finanziellen Entscheidungen zu verbinden und Investitionen in klimafreundliche Lieferketten als langfristige Werttreiber zu etablieren.


