Der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland steht weiter unter Druck. Das Edelman Trust Barometer 2025 zeigt, wie tief das Misstrauen gegenüber zentralen Institutionen verankert ist und wie stark eine verbreitete „Crisis of Grievance“ – ein Gefühl struktureller Ungerechtigkeit und persönlicher Benachteiligung – die öffentliche Stimmung prägt.
Vertrauensindex fällt erneut
Der übergreifende Trust Index, der das Vertrauen in Wirtschaft, Regierung, Medien und NGOs zusammenfasst, liegt 2025 bei 45 Punkten und damit klar im Bereich des Misstrauens. Besonders die Bundesregierung verzeichnet einen deutlichen Vertrauensverlust, aber auch Wirtschaft und Medien verlieren an Rückhalt. Obwohl die Wirtschaft im relativen Vergleich noch am stärksten bewertet wird, bleibt sie ebenfalls unterhalb der Vertrauensschwelle.
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Wahrgenommene Ungleichheit als Treiber der Verbitterung
Auffällig ist die wachsende Kluft zwischen Einkommensgruppen. Personen mit geringem Einkommen äußern signifikant weniger Vertrauen in Institutionen als Haushalte im oberen Einkommensquartil. Der Unterschied beträgt zehn Punkte im Trust Index. Die Studie zeigt zudem, dass viele Befragte eine ungerechte Verteilung von Wohlstand wahrnehmen: Über drei Viertel sind überzeugt, dass Wohlhabende nicht angemessen zum Steueraufkommen beitragen, und fast 70 Prozent sehen die Selbstbezogenheit Reicher als zentrale Ursache gesellschaftlicher Konflikte.
Grievance-Haltung prägt die Wahrnehmung von Institutionen
Rund 69 Prozent der Deutschen weisen eine moderate oder hohe „Sense of Grievance“ auf. Diese Haltung geht mit einem grundsätzlichen Zweifel an staatlicher und wirtschaftlicher Fairness einher. Menschen mit hoher Grievance bewerten Unternehmen zugleich deutlich kritischer – sowohl ethisch als auch hinsichtlich der Kompetenz ihrer Führung. Die Differenz zur Gruppe mit niedriger Grievance ist markant und zeigt, wie stark subjektive Benachteiligungserfahrungen institutionelle Legitimität beeinflussen.
Zukunftssorgen und Angst vor Irreführung
Der Zukunftsoptimismus bleibt gering. Nur eine Minderheit glaubt, dass es kommenden Generationen besser gehen wird. Parallel wächst die Befürchtung, dass staatliche oder wirtschaftliche Akteure bewusst Desinformation einsetzen. Mehr als die Hälfte der Befragten traut Regierungsvertretern zu, absichtlich falsche oder übertriebene Aussagen zu verbreiten. Auch Medien und Unternehmensführungen stehen zunehmend unter Generalverdacht. Gleichzeitig erreicht die Angst vor Diskriminierung einen Höchststand – besonders ausgeprägt bei Frauen, jungen Erwachsenen und Personen mit mittlerem Einkommen.
Wirtschaft unter Erwartungsdruck
Trotz der sinkenden Zustimmung trauen viele Befragte Unternehmen zu, eine aktive Rolle bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme zu spielen. Erwartet werden unter anderem gut bezahlte lokale Arbeitsplätze, Investitionen in Weiterbildung und Engagement bei Themen wie Bezahlbarkeit, Klimaschutz und Desinformation. Selbst Personen mit hoher Grievance fordern mehr statt weniger Aktivität von Unternehmen. Doch die Legitimation bleibt fragil: Auch das Vertrauen in Arbeitgeber sinkt spürbar.
Vertrauen als Voraussetzung für Stabilität
Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass ein über Jahrzehnte geschwächtes Vertrauen ein Klima der Verbitterung gefördert hat. Ohne sichtbare Verbesserungen im Alltag, transparente Entscheidungen und aktive Bemühungen gegen Polarisierung drohen wirtschaftliche Dynamik und gesellschaftlicher Zusammenhalt weiter zu erodieren. Steigendes Vertrauen wiederum hat laut Studie das Potenzial, sowohl den wirtschaftlichen Optimismus als auch die Grievance-Haltung positiv zu beeinflussen.


