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Anthropic warnt vor neuer Skalierung von Cyberangriffen durch KI

Anthropic Logo auf einem Smartphone
Foto: Depositphotos

Key takeaways

➟ Anthropic warnt vor einer neuen Skalierung von Cyberangriffen durch KI. Agentische Systeme automatisieren zunehmend komplette Operationen und senken den Bedarf an Personal, Spezialwissen und Zeit für Angreifer erheblich.

Lesezeit ca. 4 Minuten

Anthropic warnt in seinem aktuellen Threat Intelligence Report vor einer neuen Phase des KI-Missbrauchs. Zwischen Dezember 2025 und August 2026 identifizierte und stoppte das Unternehmen zahlreiche Operationen, bei denen Claude für Cyberangriffe, Überwachung, politische Einflussnahme, Betrug, Waffenentwicklung, biologische Forschung mit Missbrauchspotenzial und unerlaubte Modelldestillation eingesetzt wurde.

Nach Einschätzung von Anthropic liegt die wichtigste Veränderung weniger in völlig neuen Angriffsformen als in der drastisch verbesserten Skalierbarkeit. KI senkt den Bedarf an Personal und Spezialwissen, automatisiert ganze Prozessketten und ermöglicht es einzelnen Akteuren, komplexe Operationen parallel gegen mehrere Ziele zu führen.

KI-Agenten übernehmen operative Teile von Cyberangriffen

Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung im Cyberbereich. KI-Systeme werden laut Anthropic zunehmend nicht mehr nur zum Schreiben von Code oder für technische Hilfestellung eingesetzt, sondern übernehmen Aufklärung, Analyse fremder Systeme, Werkzeugentwicklung, Datenextraktion und die Koordination mehrerer Angriffsschritte.

Menschen legen weiterhin Ziele fest und treffen Entscheidungen über die weitere Nutzung erbeuteter Daten. Der operative Aufwand sinkt jedoch deutlich. Damit verlieren klassische Rückschlüsse an Aussagekraft: Ein technisch anspruchsvoller Angriff muss nicht mehr zwangsläufig auf einen großen oder staatlich unterstützten Akteur hindeuten.

Anthropic beschreibt unter anderem einen russischen Spionageakteur, dessen Aktivitäten laut Unternehmen mit öffentlichen Berichten über Midnight Blizzard übereinstimmen. KI wurde dabei für Zielrecherche, Phishing-Infrastruktur, Malware-Betrieb und Datenexfiltration genutzt. Erkannte Schadsoftware konnte automatisiert verändert, neu kompiliert und erneut eingesetzt werden.

Auch mutmaßliche Affiliates der Gruppe ShinyHunters sollen Claude umfangreich eingesetzt haben. In einem Fall wurden rund 1,8 Millionen Android-Apps automatisiert analysiert, um Zugangsdaten und API-Schlüssel zu finden. Anthropic beschreibt diesen Ansatz als eine Form des „Vibe Hacking“, bei der der Mensch das Ziel vorgibt und das System große Teile der technischen Umsetzung übernimmt.

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Überwachung und Einflussoperationen werden industrialisiert

Ähnliche Skaleneffekte beobachtet Anthropic bei Überwachung und politischer Manipulation. Zwischen Januar und Juli 2026 identifizierte das Unternehmen entsprechende Aktivitäten unter anderem aus China, Iran und Westafrika sowie von kommerziellen Überwachungsanbietern.

KI-Systeme wurden demnach eingesetzt, um Kommunikationsdaten auszuwerten, politische Einstellungen zu kategorisieren und potenzielle Zielpersonen zu identifizieren. In einem Fall soll ein einzelner Berater mit Claude eine Plattform entwickelt haben, die Daten über mehrere Mobilfunkanbieter hinweg erfassen und Dossiers über Personen erstellen konnte.

Auch bei Influence Operations wird KI laut Anthropic zunehmend Bestandteil professioneller Infrastruktur. Untersucht wurden neun Kampagnen, bei denen unter anderem Fake-News-Websites, erfundene Identitäten, Zielgruppen-Datenbanken, redaktionelle Vorgaben und koordinierte Social-Media-Accounts aufgebaut wurden.

Gleichzeitig zeigt der Report eine Grenze dieser Entwicklung: Hohe Automatisierung erzeugt nicht automatisch politische Wirkung. Mehrere Kampagnen erzielten trotz großer technischer Skalierbarkeit kaum Reichweite oder wurden bereits während der Vorbereitung entdeckt und gestoppt.

Waffenentwicklung und biologische Risiken rücken stärker in den Fokus

Anthropic widmet sich erstmals ausführlicher dem Einsatz von Claude für konventionelle Waffensysteme. Das Unternehmen identifizierte sechs relevante Operationen aus China, Russland und dem Jemen.

Die Anwendungen reichten laut Report von Software für Lenkflugkörper und Drohnenschwärme bis zu elektronischer Kampfführung, Torpedo-Abwehr und Beschaffungsprozessen. In einem Fall aus dem Jemen arbeitete eine Gruppe an mehreren Raketenprogrammen, darunter an einem System mit angestrebter Reichweite von mehr als 2.000 Kilometern.

Auch im biologischen Bereich dokumentiert Anthropic mehrere Fälle mit potenziellem Dual-Use-Risiko. Dazu gehörten Arbeiten zu Gain-of-Function-Forschung mit Chikungunya sowie Experimente zur Anpassung aviärer Influenza an Säugetiere. Der Report unterstreicht damit die Schwierigkeit, legitime Forschung und missbräuchliche Nutzung klar voneinander zu trennen.

Betrug lässt sich mit KI deutlich skalieren

Ein weiteres Beispiel betrifft einen chinesischen Betreiber von mehr als 20 Dating-Apps. Nach Angaben von Anthropic wurden dort tausende künstliche Nutzerprofile eingesetzt, die echte Personen glauben ließen, mit Menschen zu kommunizieren.

Innerhalb von zwei Wochen identifizierte Anthropic mehr als 4.700 KI-Personas, die mit mindestens 25.000 Personen interagierten und rund 2,36 Millionen Nachrichten verschickten. Zusätzlich kamen reale Mitarbeiter für Videoanrufe und Social-Media-Kontakte zum Einsatz, um die künstlichen Identitäten glaubwürdiger erscheinen zu lassen.

Der Fall zeigt exemplarisch, wie KI bestehende Betrugsmodelle nicht grundlegend verändert, aber deren Reichweite und Wirtschaftlichkeit massiv erhöhen kann.

KI-Modelle werden selbst zum Angriffsziel

Neben dem Missbrauch bestehender Systeme sieht Anthropic auch eine wachsende Bedrohung durch unerlaubte Modelldestillation. Dabei werden Antworten leistungsfähiger Modelle genutzt, um eigene KI-Systeme zu trainieren oder bestimmte Fähigkeiten nachzubilden.

Anthropic berichtet von entsprechenden Aktivitäten sieben chinesischer KI-Labore. Besonders umfangreich sei eine dem Alibaba- beziehungsweise Qwen/Tongyi-Umfeld zugerechnete Operation gewesen. Auf dem Höhepunkt sollen fast drei Millionen Claude-Anfragen pro Tag über mehr als 3.500 betrügerische Accounts erfolgt sein.

Ziel war laut Anthropic unter anderem die Extraktion von Reasoning-, Coding- und Agentenfähigkeiten. Auch Xiaomi, Moonshot und MiniMax werden im Report im Zusammenhang mit entsprechenden Aktivitäten genannt.

Die zentrale Entwicklung liegt damit in einer neuen Kostenstruktur digitaler Angriffe. KI macht bekannte Methoden schneller, billiger und skalierbarer und erlaubt kleineren Akteuren Operationen, für die bislang größere Teams erforderlich waren.

Für Unternehmen gewinnen deshalb klassische Schutzmaßnahmen rund um Zugangsdaten, API-Schlüssel, Cloud-Berechtigungen und automatisierte Systeme zusätzlich an Bedeutung. Gleichzeitig werden KI-Plattformen selbst zu kritischer Infrastruktur, deren Accounts, Schnittstellen und Modelle zunehmend sowohl Werkzeug als auch Angriffsziel sind.

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