Der Zahlungsverkehr in Europa steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Mit einer neuen, ganzheitlichen Strategie legt das Eurosystem – unter dem Dach der Europäischen Zentralbank – nun einen Rahmen vor, der Retail-, Großbetrags-, B2B- und grenzüberschreitende Zahlungen gleichermaßen adressiert. Formuliertes Ziel der Strategie ist es, Europas Zahlungsinfrastruktur technologisch zu modernisieren, strategisch unabhängiger zu machen und zugleich die Rolle des Zentralbankgeldes als Stabilitätsanker zu sichern.
„Zahlungen sind essenziell für unsere Gesellschaft – und sie verändern sich rasant“, betonte EZB-Direktoriumsmitglied Piero Cipollone bei der Vorstellung der Strategie. Die Notenbank wolle gewährleisten, dass Zahlungen zuverlässig, schnell, wettbewerbsfähig und innovationsfreundlich bleiben – national wie international.
Zentralbankgeld bleibt Anker im digitalen Zeitalter
Kern der Strategie ist die Festigung der Rolle von Zentralbankgeld in einem zunehmend digitalisierten Zahlungsökosystem. Sowohl im Retail- als auch im Wholesale-Bereich soll es die Grundlage für geldpolitische Wirksamkeit und Finanzstabilität bilden.
Mit Blick auf neue Technologien wie Tokenisierung und Distributed-Ledger-Technologien positioniert sich das Eurosystem klar: Für die Abwicklung von Großbetragsgeschäften soll Zentralbankgeld weiterhin im Zentrum stehen. Private Abwicklungsinstrumente – etwa tokenisierte Bankeinlagen oder Stablecoins – können ergänzend eingesetzt werden, sofern sie EU-reguliert, auf Euro lautend und solide konzipiert sind.
Damit reagiert die EZB auf eine Entwicklung, die zunehmend von internationalen Technologiekonzernen und außereuropäischen Zahlungsanbietern geprägt wird. Strategische Autonomie im Zahlungsverkehr gilt inzwischen als geopolitischer Faktor – nicht zuletzt vor dem Hintergrund wachsender Cyberbedrohungen und der Erfahrungen seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Digitaler Euro als Katalysator für europäische Lösungen
Eine Schlüsselrolle nimmt der digitale Euro ein. Das 2021 gestartete Projekt soll Bargeld ergänzen und gleichzeitig als paneuropäische Lösung für digitale Zahlungen dienen. Anders als häufig befürchtet, sieht das Eurosystem den digitalen Euro nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu privaten Initiativen.
Insbesondere am Point of Interaction (POI) – also am physischen Verkaufspunkt sowie im E-Commerce – fehlt bislang eine europäisch dominierte Lösung. Internationale Kartensysteme und Big-Tech-Anbieter prägen das Bild. Initiativen wie die European Payments Initiative (EPI) sollen hier Abhilfe schaffen. Der digitale Euro könnte solchen Projekten Reichweite und Standardisierung verschaffen.
Zugleich betont die EZB, dass Bargeld weiterhin eine zentrale Rolle spielt. Eine neue Banknotenserie ist in Vorbereitung, flankiert von regulatorischen Initiativen zur Stärkung des gesetzlichen Zahlungsmittelstatus.
SEPA und Instant Payments: Ausbau statt Stillstand
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Stärkung des „klassischen“ SEPA-Raums. Instant Payments sollen europaweit zum Standard werden. Zwar existiert mit dem SEPA Instant Credit Transfer (SCT Inst) seit 2017 ein entsprechendes Schema, doch die Marktdurchdringung blieb bislang hinter den Erwartungen zurück.
Mit regulatorischer Unterstützung der Europäischen Kommission soll die verpflichtende Bereitstellung von Echtzeitüberweisungen vorangetrieben werden. Ziel ist es, Instant Payments flächendeckend verfügbar, kostengünstig und funktional attraktiv zu machen – inklusive Zusatzdiensten wie „Request to Pay“.
Auch die Bekämpfung der sogenannten IBAN-Diskriminierung – also der Benachteiligung ausländischer SEPA-Konten – bleibt auf der Agenda.
Grenzüberschreitende Zahlungen: Effizienzoffensive geplant
Während innereuropäische Zahlungen vergleichsweise effizient funktionieren, gelten Transaktionen über EU-Grenzen hinweg häufig als teuer und langsam. Das Eurosystem unterstützt daher die G20-Roadmap zur Verbesserung grenzüberschreitender Zahlungen.
Technologisch wird geprüft, wie das TARGET Instant Payment Settlement (TIPS) System künftig auch Mehrwährungszahlungen in Zentralbankgeld ermöglichen könnte. Pilotprojekte – etwa mit der schwedischen Zentralbank – weisen in diese Richtung.
Resilienz und Nachhaltigkeit rücken in den Fokus
Die Strategie adressiert zudem die Widerstandsfähigkeit des Zahlungsverkehrs. Mehrere unabhängige Zahlungslösungen, Offline-Funktionalitäten sowie alternative Infrastrukturen sollen sicherstellen, dass selbst bei Cyberangriffen oder technischen Ausfällen ein Mindestmaß an Zahlungsfähigkeit erhalten bleibt.
Parallel rückt die ökologische Dimension stärker in den Fokus. Das Eurosystem entwickelt Methoden zur Messung der Umweltbilanz elektronischer Zahlungen und prüft Vergleichsstudien zu Bargeld.
Auch soziale Aspekte spielen eine Rolle: Der Rückgang von Bankfilialen und Geldautomaten sowie die abnehmende Bargeldakzeptanz werfen Fragen der finanziellen Inklusion auf. Die EZB will sicherstellen, dass digitale Zahlungsinnovationen niemanden ausschließen.
Strategischer Rahmen für ein europäisches Zahlungsökosystem
Mit der neuen Gesamtstrategie bündelt das Eurosystem seine Initiativen – vom digitalen Euro über Tokenisierungsprojekte bis hin zu SEPA-Weiterentwicklungen – in einem kohärenten Rahmen. Der Anspruch ist hoch: Europa soll im globalen Wettbewerb um digitale Zahlungsinfrastrukturen technologisch führend, regulatorisch souverän und wirtschaftlich resilient agieren.
Der Zahlungsverkehr wird damit endgültig zum strategischen Politikfeld – zwischen Innovationsförderung, Wettbewerbsordnung und geopolitischer Absicherung.


