Die Finanzierungssituation im deutschen Mittelstand spitzt sich weiter zu. Laut aktueller Erhebung der KfW-ifo-Kredithürde erreichten die Anforderungen für Kreditvergaben an kleine und mittlere Unternehmen (KMU) im vierten Quartal 2025 ein neues Rekordniveau. 37,8 Prozent der KMU berichteten von erschwerten Kreditbedingungen – ein Anstieg um 3,9 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorquartal.
Auch bei den Großunternehmen verschlechterte sich der Zugang zu Finanzierungen deutlich. Dort stieg der Anteil der Unternehmen mit wahrgenommenen Hürden um neun Prozentpunkte auf 29,4 Prozent. Zwar liegt dieser Wert noch unter früheren Höchstständen, markiert jedoch den stärksten Anstieg seit Jahren.
Einzelhandel besonders stark betroffen
In der Branchenbetrachtung zeigen sich vor allem Handel und Dienstleistungen belastet. Im Mittelstand verzeichnete der Einzelhandel mit 45,2 Prozent den höchsten Anteil an Unternehmen mit erschwertem Kreditzugang, gefolgt vom Dienstleistungssektor mit 41,4 Prozent. Bei den Großunternehmen stieg der Wert im Einzelhandel sogar auf 49,7 Prozent, während im Großhandel 41,7 Prozent betroffen waren.
Bereits seit drei Jahren berichten mittelständische Betriebe von strengeren Anforderungen bei Kreditverhandlungen. Laut KfW-Chefvolkswirt Dr. Dirk Schumacher gehen Banken angesichts wirtschaftlicher Unsicherheiten von einer Verschlechterung der Unternehmenskennzahlen aus und agieren daher zurückhaltender bei der Kreditvergabe.
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Nachfrage bleibt verhalten, Trendwende ungewiss
Gleichzeitig bleibt das generelle Interesse an Fremdfinanzierungen gering. Im vierten Quartal führten nur rund 20 Prozent der Mittelständler überhaupt Kreditverhandlungen – deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt. Großunternehmen zeigten etwas mehr Dynamik: Ihr Anteil stieg um 4,3 Prozentpunkte auf 31,5 Prozent.
Die Kombination aus zögerlichem Finanzierungsinteresse und restriktiver Kreditvergabe ergibt ein schwieriges Umfeld für Unternehmen mit Investitionsbedarf. Zwar könnten die zuletzt gesunkenen Kreditzinsen potenziell entlastend wirken, doch strukturelle und konjunkturelle Herausforderungen erhöhen die Anforderungen weiter.
Für eine Trendumkehr sei eine spürbare wirtschaftliche Aufhellung im Jahr 2026 notwendig, so Schumacher. Nur dann könnten Banken und Unternehmen wieder zu mehr Vertrauen in Investitionen und Kreditvergaben zurückfinden.
Steigende Kredithürden als Risiko für Unternehmensstabilität
Die zunehmenden Hürden bei der Kreditvergabe könnten auch Auswirkungen auf die ohne schon hohe Insolvenzentwicklung in Deutschland haben, die sich auf einem 10-Jahres-Hoch befindet. Wenn finanzielle Engpässe nicht mehr kurzfristig durch Bankkredite überbrückt werden können, steigt das Risiko für Liquiditätsprobleme – insbesondere bei kleinen und mittelgroßen Unternehmen mit schwacher Eigenkapitalbasis.
In einem angespannten konjunkturellen Umfeld kann dies zu einer gefährlichen Kettenreaktion führen: ausbleibende Investitionen, stockende Geschäftsabläufe und letztlich eine erhöhte Zahl von Unternehmensinsolvenzen. Experten sehen deshalb im erleichterten Zugang zu Finanzierungsmitteln einen zentralen Hebel, um wirtschaftliche Substanz zu sichern und strukturelle Schäden zu vermeiden.


