Das Bundeskartellamt hat seinen Jahresbericht 2025/26 vorgelegt und dabei eine deutliche Ausweitung seiner Aktivitäten in zentralen Wirtschaftsbereichen signalisiert. Angesichts geopolitischer Spannungen, steigender Energiepreise und wachsender Marktmacht digitaler Plattformen sieht die Behörde erhöhten Handlungsbedarf, um funktionierenden Wettbewerb sicherzustellen und Marktverzerrungen frühzeitig zu begrenzen.
Energiepreise und neue Eingriffsmöglichkeiten
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den Entwicklungen an den Kraftstoffmärkten. Nach deutlichen Preisanstiegen infolge internationaler Krisen hat das Bundeskartellamt umfassende Ermittlungen eingeleitet. Im Fokus stehen insbesondere Raffinerien und Großhändler, da dort entscheidende Preisbildungsprozesse stattfinden. Neue gesetzliche Regelungen ermöglichen es der Behörde, bei marktmächtigen Unternehmen gezielt einzugreifen und detaillierte Nachweise über Kostenstrukturen einzufordern. Ziel ist es, ungerechtfertigte Preisaufschläge zu verhindern und Transparenz in komplexen Lieferketten zu schaffen.
Amazon unaufhaltsam
Digitalwirtschaft und Plattformregulierung
Auch in der Digitalwirtschaft intensiviert das Bundeskartellamt seine Kontrolle. Im Zentrum steht unter anderem das Verfahren gegen Amazon, bei dem es um Einflussnahme auf die Preisgestaltung von Händlern ging. Die Behörde sieht darin ein erhebliches Risiko für fairen Wettbewerb, da Plattformbetreiber gleichzeitig als Marktplatz und Anbieter auftreten. Darüber hinaus laufen weitere Verfahren gegen große Technologiekonzerne, etwa im Bereich Datenschutz und Datenverarbeitung. Zunehmend rückt dabei auch die Rolle von Künstlicher Intelligenz in den Fokus, insbesondere im Hinblick auf Datenzugang und mögliche Konzentration von Marktmacht.
Kartellverfolgung bleibt Kernaufgabe
Die Aufdeckung und Verfolgung wettbewerbswidriger Absprachen bleibt ein zentrales Element der Arbeit des Bundeskartellamtes. Im Berichtszeitraum wurden zahlreiche Hinweise auf mögliche Kartellverstöße geprüft und mehrere Ermittlungsmaßnahmen durchgeführt. Parallel baut die Behörde ihre technischen Fähigkeiten weiter aus und setzt verstärkt auf datenbasierte Analysen sowie KI-gestützte Verfahren, um komplexe Marktstrukturen schneller und präziser untersuchen zu können.
Lebensmitteleinzelhandel unter besonderer Beobachtung
Ein weiterer Fokus liegt auf dem stark konzentrierten Lebensmitteleinzelhandel. Zusammenschlüsse und Übernahmen werden besonders sorgfältig geprüft, um negative Auswirkungen auf Wettbewerb, Preise und Lieferketten zu vermeiden. Während kleinere Marktteilnehmer durch gezielte Freigaben gestärkt werden sollen, stehen größere Transaktionen im Zentrum vertiefter Prüfverfahren. Ziel ist es, die Marktvielfalt zu erhalten und faire Bedingungen für Verbraucher und Produzenten zu sichern.
Wachsende Komplexität der Wettbewerbsaufsicht
Der Jahresbericht verdeutlicht insgesamt, dass die Anforderungen an Wettbewerbsbehörden deutlich gestiegen sind. Internationale Verflechtungen, digitale Geschäftsmodelle und neue Technologien erhöhen die Komplexität der Verfahren erheblich. Vor diesem Hintergrund setzt das Bundeskartellamt auf eine Weiterentwicklung seiner Instrumente sowie auf Anpassungen im gesetzlichen Rahmen, um auch künftig wirksam gegen Wettbewerbsverzerrungen vorgehen zu können.


