Deutschlands größte Managementberatung geht den nächsten strategischen Schritt in der Künstlichen Intelligenz. Roland Berger gründet laut Bericht des Handelsblatt gemeinsam mit dem KI-Unternehmer Jonas Andrulis ein neues Start-up, das industrielle Anwendungen auf ein produktives Niveau heben soll. Im Zentrum steht die Frage, warum viele KI-Initiativen in Unternehmen bislang nicht den erhofften Effizienzschub liefern – und wie sich das ändern lässt.
Für Andrulis markiert das Projekt einen unternehmerischen Neustart, für Roland Berger den Einstieg in eine neue Rolle: weg vom reinen Implementierungspartner, hin zum Technologieanbieter mit eigener Produktentwicklung. Damit verschiebt sich auch das Selbstverständnis der Beratung im zunehmend kompetitiven KI-Markt.
Warum viele KI-Projekte in der Praxis stocken
In zahlreichen Industrieunternehmen ist die Ernüchterung spürbar. Zwar wurden in den vergangenen Jahren erhebliche Mittel in Pilotprojekte investiert – von generativer Textverarbeitung über vorausschauende Wartung bis hin zu datengetriebener Produktionssteuerung. Doch der Transfer in den breiten, produktiven Einsatz gelingt häufig nur schleppend.
Die Ursachen sind vielfältig: Bestehende IT-Landschaften erweisen sich als schwer integrierbar, Daten sind unvollständig oder qualitativ unzureichend, regulatorische Anforderungen bremsen Vorhaben aus. Hinzu kommen kulturelle Faktoren wie fehlende Akzeptanz bei Fachkräften oder überzogene Erwartungen an vollständig autonome Systeme.
Das neue Unternehmen will genau hier ansetzen. Geplant ist eine „kollaborative KI“, die nicht als Ersatz für menschliche Expertise auftritt, sondern als strukturierter Co-Pilot. Statt generischer Large-Language-Modelle sollen spezialisierte Systeme entstehen, die industrielle Entscheidungsprozesse unterstützen und eng mit Domänenexperten verzahnt sind. Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Integration in bestehende Abläufe stehen dabei im Vordergrund.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Strategischer Kurswechsel nach Aleph Alpha
Für Jonas Andrulis ist die Gründung auch ein Einschnitt nach dem Kapitel Aleph Alpha. Das 2019 gestartete Heidelberger Unternehmen, in das auch die Schwarz-Gruppe investiert ist und erst kürzlich die Beteiligung aufgestockt hat, wollte europäische Basismodelle als Alternative zu US-Anbietern wie OpenAI etablieren und galt zeitweise als Hoffnungsträger der deutschen KI-Szene. Politisch wurde das Vorhaben bis auf Bundesebene begleitet.
Doch der Markt für große Sprachmodelle entwickelte sich mit enormer Geschwindigkeit. Die Skaleneffekte und Milliardeninvestitionen amerikanischer Wettbewerber ließen sich kaum einholen. Investoren forderten eine strategische Neuausrichtung. Schließlich legte Andrulis sein Amt als Co-CEO nieder – ein Schritt, der in der Branche als Signal für den wachsenden Wettbewerbsdruck im europäischen KI-Ökosystem gewertet wurde.
Im neuen Anlauf steht nun nicht mehr das Wettrüsten um immer größere Basismodelle im Fokus, sondern die anwendungsnahe Umsetzung in konkreten Industriekontexten. Branchen wie Maschinenbau, Automotive, Energie oder regulierte Sektoren gelten als Zielmärkte.
Roland Berger als Technologiepartner
Bemerkenswert ist die Rolle von Roland Berger. Die 1967 gegründete Strategieberatung mit mehreren Tausend Mitarbeitenden hat ihr Digitalgeschäft in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Mit der Beteiligung an einem eigenen KI-Start-up geht das Unternehmen jedoch einen Schritt weiter.
CEO Stefan Schaible betont gegenüber dem Handelsblatt die strukturellen Vorteile: Finanzierung, Governance, globale Kundenbeziehungen und Branchenwissen seien bereits vorhanden. Das junge Unternehmen startet somit nicht als klassisches Garagen-Start-up, sondern mit direktem Zugang zu Industriekunden und etablierten Organisationsstrukturen.
Diese vertikale Integration könnte das Geschäftsmodell der Beratung verändern. Eigene Technologie schafft Differenzierung und engere Kundenbindung – birgt jedoch auch Zielkonflikte, wenn es um unabhängige Technologieempfehlungen geht.
Signalwirkung für Markt und Industrie
Der Schulterschluss sendet ein deutliches Signal an den Beratungs- und Technologiemarkt. Strategieberatungen könnten künftig verstärkt eigene digitale Produkte entwickeln, statt ausschließlich auf Partnerlösungen zu setzen. Für Industriekunden eröffnet sich die Möglichkeit, Beratung und KI-Technologie aus einer Hand zu beziehen.
Ob das neue Start-up den produktiven Durchbruch schafft, hängt davon ab, ob es gelingt, die Lücke zwischen beeindruckenden Demonstratoren und messbarer Wertschöpfung im operativen Betrieb zu schließen. Der Bedarf ist vorhanden, die Investitionsbereitschaft ebenfalls. Entscheidend wird sein, ob kollaborative Systeme tatsächlich den Praxistest bestehen.


