Die Kooperation zweier Schwergewichte im deutschen Fach- und Verbundhandel markiert eine neue strategische Ausrichtung im Markt für Haushalts-Elektrogeräte. Während Baumärkte ihr Portfolio stetig verbreitern, setzen Elektronikverbundgruppen verstärkt auf Skaleneffekte und stationäre Präsenz. Mit einer gemeinsamen Einkaufsplattform bündeln der hagebau Einzelhandel und Euronics Deutschland künftig ihre Kräfte – mit klarer Ausrichtung auf das Geschäft vor Ort.
Gemeinsamer Einkauf soll Effizienz und Sortimentstiefe erhöhen
Der Handel mit Haushalts-Elektrogeräten gilt seit Jahren als margensensibel und logistisch herausfordernd. Komplexe Lieferketten, hoher Preisdruck durch Online-Wettbewerber und eine stetig wachsende Sortimentsbreite belasten Einkauf und Disposition. Vor diesem Hintergrund greift der hagebau Einzelhandel künftig auf die Einkaufs- und Sortimentskompetenz von Euronics im Segment der Weißen Ware zurück.
Für hagebau bedeutet die Partnerschaft eine gezielte Sortimentserweiterung im Baumarktumfeld. Haushaltsgeräte – von Waschmaschinen über Kühlschränke bis zu Einbaugeräten – sind beratungsintensiv und kapitalbindend. Durch die Anbindung an die Strukturen von Euronics erhalten angeschlossene Gesellschafter Zugang zu etablierten Herstellerbeziehungen, besseren Konditionen und einer breiteren Markenvielfalt.
Euronics wiederum stärkt mit dem zusätzlichen Einkaufsvolumen seine Verhandlungsposition gegenüber der Industrie und erhöht Planungssicherheit und Marktmacht – wichtige Faktoren im Wettbewerb mit vertikal integrierten Ketten und Online-Plattformen.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Fokus auf stationäre Stärke und regionale Präsenz
Eine Besonderheit der Kooperation ist die klare Betonung des stationären Handels. Das Projekt ist ausdrücklich nicht als Online-Initiative konzipiert. Stattdessen bleibt der Markt vor Ort zentraler Beratungs- und Verkaufsraum. Die Online-Präsenz auf hagebau.de dient vorrangig der Orientierung und Vorbereitung, damit Kunden gezielt den stationären Markt aufsuchen können. Dieses Research-online-buy-offline-Modell gewinnt im beratungsintensiven Segment der Haushaltsgeräte weiter an Bedeutung.
Für Euronics fügt sich die Allianz nahtlos in die Strategie „Game Changer 2030“ ein. Ziel ist der Ausbau der Vertriebsoberfläche bei gleichzeitiger Stärkung der lokalen Händler. Mit rund 1.000 Standorten zählt Euronics zu den größten Elektronikverbünden Deutschlands. Durch die Zusammenarbeit erweitert das Unternehmen seine Reichweite indirekt um zusätzliche Verkaufsflächen im Baumarktbereich – ohne eigene Flächenexpansion.
Konsolidierung im Handel begünstigt neue Allianzen
Die neue Allianz ist auch als Antwort auf den Strukturwandel im deutschen Einzelhandel zu verstehen. Steigende Kosten, zunehmender Wettbewerbsdruck und die Konkurrenz internationaler Plattformanbieter zwingen Verbundgruppen, ihre Kräfte stärker zu bündeln. Baumärkte, die traditionell in den Bereichen Bau, Renovierung und Garten stark sind, entwickeln sich zunehmend zu Komplettanbietern rund um Haus und Wohnen. Haushaltsgeräte ergänzen dieses Angebot sinnvoll – besonders in Verbindung mit Modernisierung, Küchenumbau oder energetischer Sanierung.
Für Euronics eröffnet die Kooperation einen zusätzlichen Absatzkanal ohne eigene Investitionen in neue Flächen. Die schrittweise operative Umsetzung ab dem ersten Quartal 2026 deutet darauf hin, dass beide Partner eine langfristige Integration anstreben, statt lediglich eine kurzfristige Sortimentserweiterung umzusetzen.
Signalwirkung für den Verbundhandel
Die Kooperation dürfte über die beteiligten Unternehmen hinaus Signalwirkung haben. Sie zeigt, dass klassische Branchengrenzen zunehmend aufweichen. Baumarkt und Elektronikfachhandel rücken strategisch näher zusammen – getrieben von Skalendruck, Sortimentslogik und der Herausforderung, Frequenz im stationären Handel zu sichern. Ob das Modell Schule macht, hängt wesentlich von der logistischen Umsetzung und der Akzeptanz der Gesellschafter ab. Fest steht jedoch: Einkaufsallianzen gewinnen im fragmentierten deutschen Handelsmarkt weiter an Bedeutung, besonders dort, wo Beratungsqualität und Markenvielfalt entscheidende Wettbewerbsvorteile sind.


