Der deutsche Bio-Getränkehersteller Lemonaid zählt seit Jahren zu den bekanntesten deutschen Social Businesses. Das Unternehmen, das mit den Marken Lemonaid und ChariTea Bio-Limonaden und Fairtrade-Getränke vertreibt, verbindet wirtschaftlichen Erfolg mit einem klaren gesellschaftlichen Anspruch. Nun geht das Hamburger Unternehmen den nächsten Schritt – allerdings anders als die meisten Wachstumsunternehmen.
Community statt Großinvestoren
Seit dem 6. Juli können erstmals Aktien der Lemonaid Beverages AG über die nachhaltigen Beteiligungsplattformen GLS Crowd und WIWIN gezeichnet werden. Angeboten werden rund eine Million Namensaktien zum Preis von 39,90 Euro je Aktie. Anders als bei einem klassischen Börsengang erfolgt die Platzierung zunächst ausschließlich über die beiden Plattformen. Die Aktien sollen anschließend handelbar werden.
Mit diesem Modell verzichtet Lemonaid bewusst auf den Einstieg klassischer Finanzinvestoren oder Private-Equity-Gesellschaften. Stattdessen richtet sich das Angebot an Kunden, Unterstützer und Menschen, die sich mit der Unternehmensphilosophie identifizieren.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Fairholder Value statt Shareholder Value
Gründer Paul Bethke spricht deshalb nicht vom klassischen „Shareholder Value“, sondern vom „Fairholder Value“. Wachstum solle nicht allein den Anteilseignern zugutekommen, sondern entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von den Kleinbauern in den Ursprungsländern bis zu sozialen Projekten und der eigenen Community.
Nachfrage übertrifft Erwartungen
Dass dieses Konzept auf großes Interesse stößt, zeigte sich unmittelbar zum Start der Zeichnungsphase. Bereits wenige Minuten nach Freischaltung war die Plattform der GLS Crowd aufgrund des hohen Besucheraufkommens zeitweise nicht erreichbar. Nach Angaben des Unternehmens war dies die erste derartige Überlastung seit Bestehen des Portals.
Der außergewöhnliche Zuspruch dürfte zeigen, dass nachhaltige Beteiligungsmodelle auf ein wachsendes Interesse stoßen. Während klassische Börsengänge derzeit vielfach unter schwierigen Marktbedingungen leiden, gelingt es Lemonaid offenbar, seine Markenbekanntheit und die enge Bindung zur eigenen Kundschaft erfolgreich in Kapitalmarktinteresse umzuwandeln.
Gründer behalten die Kontrolle
Trotz der Kapitalöffnung soll sich an der strategischen Ausrichtung des Unternehmens wenig ändern. Die Mehrheit der Stimmrechte verbleibt weiterhin bei den Gründern.
Zusätzlich soll die besondere Unternehmensphilosophie institutionell abgesichert werden. Im Aufsichtsrat sitzen neben Gründervertretern unter anderem die Vorstandsvorsitzende des gemeinnützigen Lemonaid & ChariTea e.V., Aileen Puhlmann, der Social-Entrepreneurship-Forscher Prof. Dr. Markus Beckmann, Unternehmer Christoph Korittke sowie Fußballprofi Jackson Irvine.
Nach Angaben des Unternehmens soll dadurch sichergestellt werden, dass wirtschaftliche Entscheidungen weiterhin mit den sozialen Zielen vereinbar bleiben.
Kapital für Wachstum und internationale Expansion
Die Emission dient nicht ausschließlich der Finanzierung des operativen Geschäfts. Die erste Million Euro aus der Platzierung soll unmittelbar an den gemeinnützigen Lemonaid & ChariTea e.V. fließen, der soziale Projekte in den Anbauregionen unterstützt.
Weitere Mittel sollen eine bereits vorgezogene Kapitalerhöhung refinanzieren und die Liquidität des Unternehmens stärken. Nach Angaben von Lemonaid stehen dadurch rund sechs Millionen Euro zusätzlich für die weitere Unternehmensentwicklung zur Verfügung.
Ein Schwerpunkt dürfte dabei die internationale Expansion sein. Die Produkte sind bereits in mehr als 30 Ländern erhältlich. Künftig will Lemonaid insbesondere den US-Markt stärker erschließen – ein ambitionierter Schritt in einem der weltweit größten Getränkemärkte.
Vom Start-up zum internationalen Social Business
Seit der Gründung im Jahr 2009 hat sich Lemonaid von einer kleinen Getränkemarke zu einem international tätigen Unternehmen entwickelt. Nach eigenen Angaben wurden inzwischen mehrere hundert Millionen Flaschen verkauft. Über das sogenannte „Trinken-hilft-Prinzip“ floss mit jeder verkauften Flasche ein fester Betrag an den gemeinnützigen Verein.
So kamen bislang mehr als 13 Millionen Euro für soziale Projekte in den Anbauländern zusammen. Unterstützt wurden nach Unternehmensangaben bislang 97 Projekte unter anderem in den Bereichen Bildung, Armutsbekämpfung, Existenzgründung und Beschäftigungsförderung.
Auch wirtschaftlich entwickelte sich das Unternehmen dynamisch. Lemonaid gibt ein durchschnittliches Umsatzwachstum von 39 Prozent pro Jahr seit der Gründung an. Bemerkenswert dabei: Bis heute befand sich das Unternehmen vollständig in Gründerhand und verzichtete auf externe Investoren.
Signal für eine neue Form der Unternehmensfinanzierung?
Mit der Community-Aktie testet Lemonaid zugleich ein neues Modell der Unternehmensfinanzierung. Während Crowdinvesting bislang überwiegend über Nachrangdarlehen oder Genussrechte erfolgte, erwerben Anleger hier echte Namensaktien mit Stimmrechten.
Sollte das Modell erfolgreich verlaufen, könnte es insbesondere für werteorientierte Mittelständler und wachstumsstarke Marken zu einer attraktiven Alternative zwischen klassischem Börsengang und Beteiligung durch Finanzinvestoren werden.
Für Lemonaid ist die Aktienemission deshalb weit mehr als eine Kapitalmaßnahme. Sie versteht sich als Fortsetzung ihres Social-Business-Ansatzes – mit dem Ziel, Kunden nicht nur als Konsumenten, sondern als Miteigentümer an der weiteren Entwicklung des Unternehmens zu beteiligen.


