Die Luxusmarke Chrome Hearts hat erneut eine Klage wegen Markenverletzung eingereicht – diesmal gegen den US-Warenhauskonzern Nordstrom. Der Fall reicht über die beteiligten Unternehmen hinaus. Im Kern steht eine Grundsatzfrage des Markenrechts: Wann wird ein dekoratives Designelement zu einem rechtlich geschützten Markenkennzeichen?
Kaum eine Modemarke verteidigt ihr geistiges Eigentum so konsequent wie Chrome Hearts. Das 1988 in Los Angeles gegründete Unternehmen hat sich von einer Nischenmarke für Rockmusiker zu einer begehrten Luxusadresse für Schmuck, Lederwaren und Street-Luxury entwickelt. Mit Preispunkten bis zu mehreren tausend Euro pro Schmuckstück und hunderten prominenten Trägern aus der Celebrity-Welt D ist die Marke längst ein kulturelles Statussymbol.
Vorwurf: Kreuzmotive mit zu großer Nähe
Die Klage wurde am 4. Juni 2026 beim U.S. District Court for the Central District of California eingereicht. Chrome Hearts wirft Nordstrom vor, Schmuck- und Accessoire-Produkte verkauft zu haben, deren Kreuzmotive den geschützten „CH Cross“- und „CH Plus“-Marken zu stark ähneln. Neben Markenverletzung umfasst die Klage auch Vorwürfe der Produktfälschung, irreführenden Herkunftsangabe sowie unlauteren Wettbewerbs.
Laut Klageschrift, über die The Fashion Law berichtet, sollen die betreffenden Produkte sowohl online als auch stationär vertrieben und über soziale Medien beworben worden sein. Entscheidend ist die juristische Argumentation: Chrome Hearts beansprucht nicht das Kreuzsymbol an sich, sondern die spezifische Ausgestaltung, die durch jahrzehntelange Nutzung eine sogenannte „Secondary Meaning“ entwickelt habe – also unmittelbar mit der Marke verknüpft werde.
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Ein alter Konflikt des Markenrechts
Genau hier liegt der Kern des Verfahrens. Das US-Markenrecht schützt grundsätzlich keine rein dekorativen Elemente. Ein Kreuz auf einem Ring oder Gürtel ist zunächst lediglich Gestaltung.
Schutzfähig wird ein Motiv erst dann, wenn Verbraucher darin einen Herkunftshinweis erkennen. Chrome Hearts argumentiert, dass seine charakteristischen gotischen Kreuze aufgrund des ikonischen Standings der Marke diese Schwelle überschritten haben. Nordstrom dürfte dagegenhalten, dass Kreuz- und Ornamentmotive seit Jahrzehnten Teil des allgemeinen Formenschatzes der Modeindustrie sind.
Der Fall erinnert an frühere Grundsatzentscheidungen, etwa den Streit um die rote Schuhsohle von Christian Louboutin. Auch dort wurde Markenschutz anerkannt – jedoch nur für die konkrete Ausgestaltung. Die zentrale Botschaft: Selbst alltägliche Designelemente können geschützt sein, wenn sie eindeutig einer Marke zugeordnet werden.
Eine Klageserie mit System
Die Auseinandersetzung ist kein Einzelfall. Chrome Hearts verfolgt seit Jahren eine konsequente Schutzstrategie. Bereits 2020 verklagte das Unternehmen den ebenfalls in Los Angeles ansässigen Streetwear-Anbieter MNML sowie Fashion Nova wegen ähnlicher Kreuz- und Hufeisenmotive. Parallel richteten sich ältere Klagen gegen große Einzelhändler wie Macy’s, JCPenney und Sears. 2023 geriet Shein ins Visier, 2026 folgte eine weitere Klage.
Auch prominente Fälle sorgten für Aufmerksamkeit: 2025 klagte Chrome Hearts gegen Neil Young, dessen Begleitband den Namen „Chrome Hearts“ nutzte. Das Verfahren wurde 2026 eingestellt.
Warum Nordstrom ein besonderer Gegner ist
Der aktuelle Fall unterscheidet sich deutlich von früheren Verfahren. Nordstrom zählt mit rund 15 Milliarden Umsatz pro Jahr zu den renommiertesten Warenhauskonzernen der USA und positioniert sich zunehmend im Premiumsegment.
Nach dem Rückzug von der Börse 2025 arbeitet das Unternehmen an einer strategischen Neuausrichtung. Entsprechend sensibel ist der Vorwurf. Anders als bei Fast-Fashion-Anbietern geht es hier um einen Händler mit etablierten Einkaufs- und Compliance-Strukturen.
Sollte ein Gericht feststellen, dass Nordstrom die Ähnlichkeiten hätte erkennen müssen, könnte dies die Sorgfaltspflichten im Modeeinzelhandel deutlich verschärfen – mit Signalwirkung für die gesamte Branche.
Mehr als ein Streit um Kreuze
Für Chrome Hearts geht es letztlich um die Verteidigung seiner Exklusivität. Der wirtschaftliche Wert moderner Luxusmarken liegt zunehmend in Symbolen: Logos, Muster und Designcodes sind zentrale Vermögenswerte.
Je stärker die Marke kulturell an Bedeutung gewinnt, desto wichtiger wird die Kontrolle über diese visuellen Identitäten. Branchenbeobachter halten daher einen Vergleich für wahrscheinlich. Die meisten der zahlreichen Verfahren endeten bislang außergerichtlich.
Sollte Nordstrom jedoch auf einer gerichtlichen Klärung bestehen, könnte erstmals ein Präzedenzfall entstehen, der die Grenze zwischen Dekoration und Markenkennzeichen im Modegeschäft neu definiert.





