Digitale Souveränität ist in Unternehmen weltweit vom politischen Schlagwort zum strategischen Managementthema geworden. Laut einer aktuellen Studie des Capgemini Research Institute diskutieren 93 Prozent der befragten Organisationen das Thema inzwischen auf Vorstandsebene. Gleichzeitig halten 59 Prozent eine vollständige technologische Unabhängigkeit für unrealistisch.
Statt vollständiger Autonomie setzen Unternehmen zunehmend auf resiliente Interdependenz: Kritische Technologien und Daten sollen kontrollierbar bleiben, während externe Anbieter und strategische Partnerschaften weiterhin genutzt werden. Zwei Drittel der Organisationen verfolgen laut Studie bereits dieses Verständnis.
Technologieabhängigkeiten erhöhen das Geschäftsrisiko
Cloud-Migration, künstliche Intelligenz und digitale Transformation haben die Abhängigkeit von wenigen globalen Technologieanbietern deutlich erhöht. Der von Capgemini entwickelte Digital Sovereignty Index zeigt, dass 86 Prozent der untersuchten Organisationen erhebliche Abhängigkeiten von extern kontrollierten oder ausländischen Lieferketten aufweisen.
Problematisch sind dabei insbesondere eine hohe Anbieterkonzentration, mangelnde Transparenz und lange Wechselzeiten. Dennoch verfügen nur 42 Prozent der Unternehmen, die zuletzt operative Störungen erlebt haben, über entsprechende Notfallpläne.
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Deutschland weist besonders hohe Abhängigkeiten auf
In Deutschland ist die Situation besonders ausgeprägt. 94 Prozent der untersuchten Organisationen zeigen laut Index erhebliche digitale Abhängigkeiten – der höchste Wert unter allen betrachteten Ländern.
Gleichzeitig überprüfen nur 60 Prozent der betroffenen deutschen Unternehmen diese Risiken regelmäßig. Lediglich zehn Prozent haben ihre Abhängigkeiten vollständig erfasst. Dennoch gewinnt das Thema auf Führungsebene deutlich an Gewicht: 45 Prozent haben digitale Souveränität bereits mit eigener Governance im Vorstand verankert.
Etwas mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen erwägt zudem die Einführung eines Chief Sovereignty Officer. Damit liegt Deutschland deutlich über dem weltweiten Vergleichswert.
Künstliche Intelligenz wird zum wichtigsten Handlungsfeld
KI entwickelt sich zum zentralen Schwerpunkt der Souveränitätsstrategien. Weltweit nennen 75 Prozent der Organisationen künstliche Intelligenz als prioritäres Handlungsfeld, in Deutschland liegt der Anteil mit 82 Prozent noch höher.
Dahinter steht die Sorge, dass immer wichtigere Geschäftsprozesse von Technologien abhängig werden, deren Infrastruktur, Modelle oder Datenzugänge außerhalb der eigenen Kontrolle liegen. Besonders relevant ist das in Branchen wie Luft- und Raumfahrt, Verteidigung, Transport und Logistik.
Operative Resilienz bleibt insgesamt der wichtigste Treiber. Vier von fünf Befragten nennen die Widerstandsfähigkeit gegenüber geopolitischen Spannungen und Störungen als zentrales Motiv für entsprechende Initiativen.
Vendor Lock-in erschwert den Strategiewechsel
Ein wesentliches Hindernis bleibt die mangelnde Transparenz innerhalb komplexer Technologieökosysteme. Nur 14 Prozent der Organisationen verfügen über einen vollständigen Überblick über ihre digitalen Abhängigkeiten.
Hinzu kommt ein ausgeprägter Vendor Lock-in. Bei 36 Prozent würde der Wechsel eines kritischen Technologieanbieters länger als zwölf Monate dauern, jede zehnte Organisation sieht derzeit überhaupt keine realistische Alternative.
Auch die Kosten begrenzen den Handlungsspielraum. Weniger als die Hälfte der Unternehmen ist bereit, für mehr digitale Souveränität zusätzliche Ausgaben zu akzeptieren. Die zahlungsbereiten Organisationen würden im Durchschnitt einen Aufpreis von 23 Prozent tragen.
Unternehmen setzen auf kontrollierte Abhängigkeiten
Die Studie zeigt damit einen pragmatischen Strategiewechsel. Unternehmen wollen sich nicht vollständig von internationalen Technologieanbietern lösen, sondern besonders kritische Abhängigkeiten identifizieren, Alternativen aufbauen und Kontrolle über zentrale Daten, Infrastruktur und digitale Fähigkeiten zurückgewinnen.
Fast vier von fünf Organisationen setzen bereits eine entsprechende Strategie um oder entwickeln sie. Weitere rund 20 Prozent planen den Einstieg innerhalb der kommenden zwölf Monate. Für Unternehmen wird digitale Souveränität damit zunehmend zu einer Frage von Risikomanagement, Wettbewerbsfähigkeit und langfristiger Handlungsfähigkeit.





