Das EU-Parlament hat einen umfassenden Bericht verabschiedet, um Lieferengpässe bei kritischen Arzneimitteln wie Antibiotika, Insulin und Impfstoffen zu bekämpfen. Ziel ist es, die europäische Versorgungssicherheit zu erhöhen und die Abhängigkeit von Drittstaaten zu reduzieren. Über 50 Prozent der gemeldeten Engpässe gehen auf Produktionsprobleme zurück – vor allem bei Wirkstoffen.
Strategische Projekte und gezielte Investitionen
Der Bericht sieht die Schaffung industrieller „strategischer Projekte“ innerhalb der EU vor. Diese sollen durch nationale Regierungen und EU-Mittel bevorzugt gefördert werden – sowohl im aktuellen Haushalt als auch im nächsten mehrjährigen Finanzrahmen. Unternehmen, die Fördermittel erhalten, müssen sich verpflichten, den EU-Markt prioritär zu beliefern.
Ein weiteres zentrales Anliegen ist die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Pharmasektors. Dazu gehört auch ein Paradigmenwechsel in der öffentlichen Beschaffung: Der Preis soll künftig nicht mehr das alleinige Kriterium bei Arzneimittelvergaben sein. Stattdessen werden Kriterien wie Versorgungssicherheit, Produktionskapazitäten und Standortvorteile innerhalb der EU einbezogen.
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Gemeinsame Beschaffung und EU-Notfallreserven
Um kritische Medikamente europaweit besser zu beschaffen, empfiehlt das Parlament eine freiwillige länderübergreifende gemeinsame Beschaffung – insbesondere bei Arzneimitteln für seltene Krankheiten oder hochpreisigen Therapien. Die Mindestzahl beteiligter Staaten soll dabei von neun auf fünf gesenkt werden, um flexibler agieren zu können.
Darüber hinaus soll ein EU-weiter Koordinierungsmechanismus für nationale Arzneimittellager entstehen. Dieser würde es ermöglichen, Bestände besser zu planen und im Krisenfall gezielt umzuverteilen. Die Kommission soll im Notfall das Recht erhalten, Arzneimittel von einem Mitgliedstaat in einen anderen umzuverteilen, um Versorgungsunterbrechungen zu verhindern.
Der Berichterstatter Tomislav Sokol (EVP, Kroatien) betont in der Pressemitteilung, dass mit diesen Maßnahmen nicht nur die Versorgung verbessert werde, sondern auch ein industriepolitisches Signal für mehr Autonomie gesetzt werde. Öffentliche Ausschreibungen sollen künftig Produzenten in der EU bevorzugen – ganz im Sinne eines „Europäisch kaufen“-Ansatzes.
Gesetzgebungsprozess startet
Mit dem verabschiedeten Bericht ist der Weg frei für die Verhandlungen mit den EU-Mitgliedstaaten über die konkrete Ausgestaltung der neuen Vorschriften. Der zugrunde liegende Verordnungsentwurf wurde bereits im März 2025 von der Kommission vorgelegt und fokussiert auf die Absicherung der Versorgung mit kritischen Medikamenten, bei denen der Markt bisher versagt.


