Die Parfümerie Thiemann, eine der größten inhabergeführten Parfümerieketten in Ostdeutschland, hat ein Planinsolvenzverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet. Ziel ist nicht die Abwicklung, sondern die nachhaltige Sanierung des Unternehmens. Trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen bleiben alle 13 Filialen in Sachsen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt vorerst geöffnet, wie das Unternehmen auf einer im Online-Shop eingerichteten FAQ-Seite zur Sanierung mitteilt. Die Eigentümerfamilie setzt in dieser Phase bewusst auf Transparenz und Vertrauen – gegenüber Kunden, Partnern und Mitarbeitenden.
Eigenverwaltung als strategischer Neustart
Mit der Entscheidung für ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung nutzt Thiemann ein Instrument, das im deutschen Einzelhandel zunehmend an Bedeutung gewinnt. Anders als bei einer klassischen Insolvenz bleibt die operative Führung im Unternehmen selbst. Unter gerichtlicher Aufsicht sollen Strukturen überprüft, Kosten gesenkt und die strategische Ausrichtung geschärft werden. Ziel ist es, das Geschäftsmodell langfristig tragfähig zu machen und die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.
Für mittelständische Handelsunternehmen bietet dieses Verfahren die Chance, frühzeitig gegenzusteuern, ohne die operative Handlungsfähigkeit vollständig abzugeben. Gerade im filialisierten Einzelhandel ist dies ein entscheidender Vorteil, um laufende Prozesse stabil zu halten und Kundenvertrauen nicht zu verlieren.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Mehrere Belastungsfaktoren treffen gleichzeitig
Die wirtschaftlichen Probleme der Parfümerie Thiemann sind das Ergebnis mehrerer parallel wirkender Entwicklungen. Ein wesentlicher Faktor sind die Nachwirkungen der Corona-Pandemie. Während der Lockdowns brach der stationäre Umsatz zeitweise massiv ein. Auch nach der Wiederöffnung hat sich die Kundenfrequenz in vielen Innenstädten nicht vollständig erholt.
Hinzu kommen strukturelle Kostenbelastungen, insbesondere durch hohe Mieten in zentralen Lagen und Einkaufszentren. Filialisten wie Thiemann sind hier besonders exponiert, da sie langfristige Mietverträge und hohe Fixkosten tragen. Gleichzeitig trifft die Branche auf eine insgesamt zurückhaltende Konsumstimmung, insbesondere im Non-Food-Bereich.
Auch das veränderte Kaufverhalten der Kundinnen und Kunden spielt eine zentrale Rolle. Online-Angebote, schnelle Preisvergleiche und die wachsende Bedeutung internationaler Plattformen verändern die Marktmechanik nachhaltig. Der stationäre Handel verliert an Frequenz, während digitale Vertriebskanäle weiter an Bedeutung gewinnen.
Wettbewerbsdruck im Premiumsegment wächst
Besonders im Parfümerie- und Luxussegment verschärft sich der Wettbewerb. Große Ketten und internationale Anbieter setzen verstärkt auf aggressive Preisstrategien und hohe Marketingbudgets. Für mittelständische Unternehmen wird es dadurch zunehmend schwieriger, stabile Margen zu erzielen und gleichzeitig ein hochwertiges Einkaufserlebnis mit persönlicher Beratung zu bieten.
Die Herausforderung besteht darin, sich klar zu positionieren: zwischen Preiswettbewerb, Servicequalität und Markenprofil. Gerade inhabergeführte Händler müssen ihre Stärken – etwa Kundennähe, regionale Verankerung und Beratungskompetenz – gezielt ausspielen, um sich vom Wettbewerb abzugrenzen.
Neuausrichtung von Filialnetz und Strategie
Die eingeleitete Sanierung dürfte eine umfassende Überprüfung des Geschäftsmodells mit sich bringen. Im Fokus stehen typischerweise das Filialnetz, Mietstrukturen, Warensteuerung sowie die Verzahnung von stationärem Handel und E-Commerce. Thiemann hatte bereits in der Vergangenheit in digitale Angebote wie einen Online-Shop und eine eigene App investiert – diese Ansätze dürften nun weiterentwickelt werden.
Gleichzeitig wird es darum gehen, die Kostenbasis nachhaltig zu senken und die Organisation effizienter aufzustellen. Dazu zählen neben möglichen Anpassungen im Filialnetz auch Optimierungen in Logistik, Einkauf und Verwaltung.
Für die betroffenen Städte und Regionen hat die Entwicklung eine besondere Bedeutung. Als etablierter Händler trägt Thiemann zur Attraktivität innerstädtischer Lagen bei und fungiert vielerorts als Frequenzbringer. Eine erfolgreiche Sanierung wäre daher nicht nur für das Unternehmen selbst, sondern auch für die lokalen Handelsstrukturen ein wichtiges Signal.
Ob der Neustart gelingt, hängt maßgeblich davon ab, ob es dem Unternehmen gelingt, wirtschaftliche Stabilität mit einer klaren strategischen Positionierung zu verbinden. Der Appell der Eigentümerfamilie bringt dies auf den Punkt: Vertrauen wird in dieser Phase zu einem zentralen Erfolgsfaktor – für Kunden, Partner und Mitarbeitende gleichermaßen.





