Nach fast drei Jahren der Vorbereitung und unterschiedlichen Anläufen rückt der Börsengang von Shein in greifbare Nähe. Die China Securities Regulatory Commission (CSRC) hat den Antrag des Online-Modehändlers für eine Notierung an der Börse Hongkong genehmigt und damit den Weg für die nächsten Schritte im IPO-Prozess freigemacht. Nach der Zustimmung kann das Unternehmen Investoren ansprechen, Roadshows organisieren und das obligatorische Listing-Hearing an der Hong Kong Stock Exchange vorbereiten.
Wie die Nachrichtenagentur Reuters aus dem Umfeld des Unternehmens erfahren haben soll, könnte der Börsengang bereits im September oder Oktober erfolgen.
Dritter Anlauf nach Rückschlägen in New York und London
Der bevorstehende Börsengang markiert das Ende einer langen und komplizierten IPO-Reise. Ursprünglich wollte Shein Ende 2023 in den USA an die Börse gehen. Das Vorhaben scheiterte jedoch am politischen Widerstand amerikanischer Gesetzgeber sowie an regulatorischen Bedenken, die zeitgleich mit den neuen Trump-Zöllen aufgetreten sind.
Anschließend verlagerte das Unternehmen seine Pläne nach London. Zwar erhielt Shein dort die Zustimmung der britischen Finanzaufsicht FCA, die notwendige Freigabe durch die chinesischen Behörden blieb jedoch aus. Ohne das Einverständnis Pekings konnte auch dieses Börsenprojekt nicht umgesetzt werden.
Die nun gewählte Börse in Hongkong gilt daher schon länger als politisch tragfähigster Kompromiss. Obwohl Shein seinen offiziellen Firmensitz bereits 2022 nach Singapur verlegte, unterliegt das Unternehmen weiterhin den chinesischen Vorschriften für Auslandsbörsengänge. Der Grund: Der überwiegende Teil der Produkte wird über Tausende chinesische Zulieferer gefertigt.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Bewertung deutlich unter dem Höchststand
Während der Pandemie galt Shein als einer der größten Gewinner des weltweiten Onlinehandels. Im Jahr 2022 wurde das Unternehmen in einer Finanzierungsrunde noch mit rund 100 Milliarden US-Dollar bewertet. Mit dem Ende des E-Commerce-Booms, einer schwächeren Konsumstimmung und zunehmenden regulatorischen Eingriffen verlor das Unternehmen jedoch deutlich an Bewertung. Bereits die letzte Finanzierungsrunde im Jahr 2023 reduzierte den Unternehmenswert auf rund 66 Milliarden US-Dollar.
Für den geplanten Börsengang rechnen Marktbeobachter inzwischen lediglich mit einer Bewertung zwischen 40 und 50 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Zalando liegt aktuell bei rund 6,5 – 7 Milliarden Euro Marktkapitalisierung. Mit 50 Milliarden würde Shein zwar weiterhin zu den wertvollsten Modeunternehmen der Welt gehören, läge jedoch deutlich unter früheren Erwartungen.
Nach Angaben aus Unternehmenskreisen könnten bis zu acht Prozent der Anteile angeboten werden. Wahrscheinlich fällt der tatsächliche Streubesitz jedoch geringer aus. Das Emissionsvolumen dürfte sich auf mehrere Milliarden US-Dollar belaufen.
Politischer Balanceakt zwischen China und dem Westen
Der Börsengang ist weit mehr als eine klassische Kapitalmarkttransaktion. Shein befindet sich seit Jahren im Spannungsfeld zwischen chinesischer Industriepolitik und westlicher Regulierung.
Peking betrachtet das Unternehmen inzwischen als politisch sensibles Aushängeschild der chinesischen Digitalwirtschaft. Entsprechend sorgfältig prüften die Behörden die Genehmigung. Nach Einschätzung von Branchenexperten signalisiert die Entscheidung zugleich, dass China bereit ist, international bedeutende Unternehmen wieder stärker über den Finanzplatz Hongkong an die Kapitalmärkte zu führen.
Gleichzeitig wächst der regulatorische Druck im Westen. In den USA und Europa, sowohl in der EU als auch in Großbritannien, steht das Geschäftsmodell zunehmend unter Beobachtung.
Geschäftsmodell gerät international unter Druck
Sheins Erfolg basiert auf einem datengetriebenen Fast-Fashion-Modell. Das Unternehmen produziert neue Kollektionen in sehr kleinen Stückzahlen, analysiert die Nachfrage nahezu in Echtzeit und skaliert erfolgreiche Produkte innerhalb weniger Tage.
Dieses Modell steht jedoch zunehmend in der Kritik. Behörden, Verbraucherschützer und Nichtregierungsorganisationen werfen dem Unternehmen unter anderem mangelhafte Arbeitsbedingungen bei Zulieferern, irreführende Rabattaktionen, problematische Datennutzung sowie Umweltbelastungen durch den weltweiten Versand großer Mengen preisgünstiger Kleidung vor.
Shein weist die Vorwürfe zurück und betont, bei Arbeitsstandards eine Null-Toleranz-Politik zu verfolgen sowie kontinuierlich in Kontroll- und Risikomanagementsysteme zu investieren.
Zusätzlichen Druck erzeugen neue Zoll- und Handelsregeln. Sowohl die USA als auch die Europäische Union verschärfen derzeit die Vorschriften für niedrigwertige Direktimporte, die bislang ein wesentlicher Bestandteil des Shein-Geschäftsmodells waren.
Rückenwind für den Finanzplatz Hongkong
Für Hongkong wäre eine erfolgreiche Platzierung ein wichtiger Prestigeerfolg. Nach mehreren schwachen Jahren erlebt der dortige IPO-Markt seit 2026 wieder eine deutliche Belebung. Die Zulassung eines weltweit bekannten Konsumunternehmens könnte diesen Trend zusätzlich stärken und internationale Investoren zurück an den Finanzplatz bringen.
Ob Shein den Börsengang tatsächlich im Herbst umsetzt, hängt nun vor allem vom Marktumfeld und dem Interesse institutioneller Investoren ab. Nach jahrelangen regulatorischen Hürden scheint das Unternehmen seinem Börsendebüt jedoch so nah wie nie zuvor.


