Die konjunkturelle Abkühlung, Stellenabbau und ein geschrumpfter Arbeitsmarkt hinterlassen zunehmend Spuren im Verhalten deutscher Beschäftigter. Eine neue Umfrage von Indeed und Appinio unter 1.000 Berufstätigen zeigt: Viele Menschen melden sich seltener krank und arbeiten häufiger trotz Krankheit – besonders ausgeprägt ist dieses Verhalten bei der Gen Z. Damit widerspricht die Studie dem gängigen Klischee, junge Beschäftigte seien weniger belastbar oder weniger leistungsorientiert.
Weniger Krankmeldungen, mehr Arbeiten trotz Krankheit
76,9 Prozent der Befragten haben sich in den vergangenen zwölf Monaten krankgemeldet. Doch nur 14 Prozent taten dies häufiger als im Vorjahr, während ein Drittel (32,2 Prozent) sich seltener krankmeldete. Besonders deutlich zeigt sich dieser Rückgang bei der Gen Z: 44 Prozent der 18- bis 27-Jährigen meldeten sich seltener krank. Gleichzeitig arbeiten 49,6 Prozent aller Befragten heute häufiger krank als früher – in der Gen Z sind es sogar 63 Prozent. Bei älteren Beschäftigten ab 58 Jahren liegt der Wert mit 39,5 Prozent zwar niedriger, aber weiterhin auf hohem Niveau.
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Ursachen reichen über Jobunsicherheit hinaus
Zwar befürchten viele Beschäftigte, durch Krankmeldungen negative Konsequenzen zu riskieren, doch die Beweggründe sind vielfältiger. 57,3 Prozent empfinden, dass im Unternehmen erwartet wird, auch krank zu arbeiten – tatsächlich würden jedoch nur 20,1 Prozent deshalb auf eine Krankmeldung verzichten. Häufiger führen strukturelle Faktoren zu Präsentismus: 31,2 Prozent berichten von hoher Arbeitslast oder fehlender Vertretung, 34,8 Prozent handeln aus Teamloyalität. Zudem fürchten jeweils gut 20 Prozent, als nicht belastbar wahrgenommen zu werden oder eine Entlassung zu riskieren.
Gen Z stärker unter Druck
In der jungen Altersgruppe zeigen sich diese Dynamiken besonders stark. 30,5 Prozent der 18- bis 27-Jährigen glauben, dass eine Krankmeldung ihre Karrierechancen beeinträchtigen könnte – ein deutlich höherer Wert als im Gesamtdurchschnitt. Ebenso berichten 25,5 Prozent der Gen Z von der Sorge, als wenig belastbar zu gelten, während 23,5 Prozent Angst vor einer Kündigung haben. 27,5 Prozent nehmen wahr, dass ihre Führungskräfte erwarten, auch krank weiterzuarbeiten.
Expertin: Weniger Fehlzeiten bedeuten nicht bessere Gesundheit
Dr. Stefanie Bickert, Job- und Karriereexpertin bei Indeed, warnt vor Fehlinterpretationen. Weniger Krankmeldungen seien keinesfalls ein Beleg für bessere Gesundheit, sondern Ausdruck unsicherer Arbeitsbedingungen und höherem Druck – besonders bei jungen Mitarbeitenden. Präsentismus führe langfristig zu Fehlern, verlängerten Krankheitsverläufen und verdecke strukturelle Defizite in Unternehmen. Arbeitgeber sollten deshalb Rahmenbedingungen schaffen, in denen Rücksicht auf die eigene Gesundheit nicht zu Nachteilen führt.


