Der Krieg im Iran sorgt in Deutschland für wachsende wirtschaftliche Unsicherheit – mit möglichen Folgen für Konsum, Produktion und Handel. Während der Handelsverband Deutschland (HDE) vor einer weiter eintrübenden Verbraucherstimmung warnt, sieht die Lebensmittelindustrie vor allem erhebliche Risiken für Energie- und Logistikkosten. Die Branche fordert schnelle politische Maßnahmen, um einen erneuten Belastungsschub wie während der Energiekrise 2022 zu verhindern.
HDE warnt: Verunsicherung trifft Konsum
Die angespannte geopolitische Lage verschärft laut HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth die Unsicherheit der Bevölkerung. Internationale Krisen wirkten „wie Gift für den Konsum“. Zwar seien die Lieferketten des Einzelhandels derzeit weitgehend stabil, da Reedereien ihre Routen bereits seit 2023 an die Huthi-Angriffe angepasst haben, doch Luftfracht müsse teilweise auf neue, längere Flugwege ausweichen. Steigende Diesel- und Gaspreise könnten mittelfristig auch die Logistikkosten beeinflussen.
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Gas- und Ölpreise explodieren – Lebensmittelproduktion gefährdet
Deutlich stärker betroffen ist bereits jetzt die deutsche Ernährungsindustrie. Als drittgrößter Industriezweig und bedeutender Erdgasnutzer mit jährlich rund 38 TWh Verbrauch ist sie auf bezahlbare Energie angewiesen. Mit dem Iran-Krieg ist der TTF-Gaspreis innerhalb weniger Tage von unter 32 Euro auf bis zu 58 Euro pro Megawattstunde gestiegen. Parallel ziehen auch Ölpreise an – mit direkten Auswirkungen auf Diesel- und Transportkosten.
Viele Produktionsschritte wie Backen, Trocknen oder Pasteurisieren lassen sich nicht kurzfristig auf alternative Energieträger umstellen. Die BVE warnt deshalb vor gravierenden Folgen für die gesamte Branche.
BVE: „Kosten-Tsunami“ droht
BVE-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff spricht von einem potenziellen „Kostentsunami“, der sowohl Hersteller als auch Verbraucher treffen würde. Bereits heute machen bei großen Verarbeitern Energie und Transport bis zu 80 Prozent der Endpreise aus. Steigen diese Kosten weiter, könnten Produktionseinschränkungen, Standortschließungen und Angebotsverknappungen folgen – wie bereits 2022 im Zuge des Ukraine-Krieges.
Handel mit Nahost unter Druck – Logistik vor neuen Herausforderungen
Deutschland exportiert jährlich Lebensmittel im Wert von rund einer Milliarde Euro in Länder, die nun vom Konflikt betroffen sind. Die Sperrung von Seewegen sowie erschwerter Zugang zum Roten Meer und Suezkanal könnten erhebliche Störungen in der Außenwirtschaft verursachen. Längere Ausweichrouten, verstopfte Häfen und knappe Containerkapazitäten würden die Logistikkosten weiter in die Höhe treiben.
Vertreter von Groß- und Außenandel warnen vor den Folgen: In den vergangenen Jahren hätten sich internationale Krisen zunehmend überlagert – jede Störung an einem so wichtigen Handelsweg könne daher schnell globale wirtschaftliche Auswirkungen haben.
Forderungen der Lebensmittelindustrie an die Politik
Die Lebensmittelindustrie fordert angesichts der massiven Preisrisiken ein entschlossenes politisches Gegensteuern. Aus Sicht der BVE braucht es jetzt verlässliche und bezahlbare Energiepreise, um die Produktion dauerhaft zu sichern. Dazu zählt insbesondere eine Reaktivierung der Gaspreisbremse von 2023, die Unternehmen ein kalkulierbares Grundkontingent zu reduzierten Preisen ermöglichen würde. Ebenso drängt die Branche auf eine deutliche Senkung der Netzentgelte sowie eine kostenlose Stromabgabe bei Überschüssen aus erneuerbaren Energien. Auch die hohen Logistikkosten stehen im Fokus: Die Lkw-Maut für Lebensmitteltransporte sollte nach Ansicht des Verbands vorübergehend ausgesetzt werden.
Darüber hinaus warnen die Unternehmen vor zusätzlichen bürokratischen Lasten in den Lieferketten und lehnen steuerliche Lenkungsinstrumente wie eine Zuckersteuer ab, da sie Lebensmittel weiter verteuern würden.
Wie sich die Lage weiterentwickelt, hängt maßgeblich von der Dauer und Intensität des Konflikts ab. Klar ist jedoch: Steigende Energiepreise und wachsende Unsicherheiten setzen die Branche zunehmend unter Druck – und könnten damit auch den Alltag der Verbraucher spürbar verändern.


