Nike steht vor einem schwierigen Balanceakt zwischen operativer Erholung und langfristigen Nachhaltigkeitsversprechen. Die Aktionäre des US-Sportartikelkonzerns haben am Dienstag einen Antrag abgelehnt, der detailliertere Angaben zur Umsetzung der Klimaziele verlangte. Wie Reuters berichtet, erhielt die Initiative unter anderem Unterstützung vom norwegischen Staatsfonds Norges Bank Investment Management, während der Verwaltungsrat den Anteilseignern ausdrücklich zur Ablehnung geraten hatte.
Die Abstimmung fällt in eine Phase, in der CEO Elliott Hill den Konzern nach Marktanteilsverlusten, stagnierenden Erlösen und einer schwachen Aktienkursentwicklung wieder auf Wachstum ausrichten muss. Damit verschärft sich zugleich die Frage, welchen Stellenwert Investitionen in Nachhaltigkeit erhalten, wenn Produktentwicklung, Vertrieb und die Rückgewinnung von Marktanteilen kurzfristig höhere Priorität besitzen.
Investoren verlangen konkreteren Fahrplan für Klimaziele
Nike hat sich langfristig ambitionierte Vorgaben zur Senkung seiner Treibhausgasemissionen gesetzt. Gegenüber dem Basisjahr 2015 sollen die Emissionen aus eigenen Aktivitäten bis 2030 um 65 Prozent sinken, während für die deutlich umfangreicheren Scope-3-Emissionen entlang der Lieferkette eine Reduktion um 30 Prozent vorgesehen ist.
Gerade die Lieferkette ist für den ökologischen Fußabdruck des Konzerns entscheidend. Rund 34 Prozent der Emissionen entstehen bei Rohmaterialien, weitere 43 Prozent bei Materialverarbeitung und Produktherstellung. Auf den Transport der Waren entfallen etwa sieben Prozent.
Nike verweist zugleich auf Fortschritte. Im Geschäftsjahr 2024 lagen die Scope-1- und Scope-2-Emissionen nach Unternehmensangaben 69 Prozent unter dem Niveau von 2020, während die Emissionen aus Produktion und Transport um 36 Prozent zurückgingen. Zudem wurden 96 Prozent des weltweit verbrauchten Stroms in den eigenen Betrieben aus erneuerbaren Quellen bezogen.
Die Antragsteller von Green Century Capital Management kritisieren jedoch weniger die formulierten Ziele als deren operative Unterlegung. Aus Sicht der Investoren bleibt zu wenig nachvollziehbar, welche Investitionen, Lieferantenprogramme, Materialinnovationen und Produktionsmaßnahmen erforderlich sind, um die langfristigen Vorgaben tatsächlich zu erreichen.
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Turnaround verschiebt Nikes strategische Prioritäten
Parallel zur Klimadebatte arbeitet Nike an einer grundlegenden wirtschaftlichen Erholung. Im Geschäftsjahr 2026 erzielte der Konzern einen Umsatz von 46,4 Milliarden US-Dollar nach 46,3 Milliarden Dollar im Vorjahr. Währungsbereinigt gingen die Erlöse dennoch um zwei Prozent zurück und liegen weiterhin deutlich unter den 51,4 Milliarden Dollar des Geschäftsjahres 2024.
Besonders sichtbar wird der Strategiewechsel in der Vertriebsstruktur. Die Erlöse mit Großhandelskunden stiegen um sechs Prozent auf rund 27,5 Milliarden Dollar, während Nike Direct um sechs Prozent auf 17,7 Milliarden Dollar zurückging. Damit korrigiert das Unternehmen teilweise den früheren Kurs, den Direktvertrieb auf Kosten klassischer Handelspartner stark auszubauen.
CEO Elliott Hill setzt wieder stärker auf Sportfachhandel und strategische Wholesale-Partner. Gleichzeitig soll eine stärkere Konzentration auf Sport, Athleten und neue Produkte die Attraktivität der Marke erhöhen. Hill, der bereits mehr als drei Jahrzehnte für Nike tätig war, kehrte im Oktober 2024 als Vorstandschef an die Unternehmensspitze zurück.
Neue Wettbewerber erhöhen den Druck auf Nike
Die operative Neuausrichtung erfolgt unter deutlich verschärften Wettbewerbsbedingungen. Im Laufschuhsegment haben insbesondere On und Hoka Marktanteile gewonnen, während Nike im Lifestyle- und Athleisure-Geschäft neben Adidas und Lululemon mit weiteren spezialisierten Marken konkurriert.
Auch Handelspartner beobachten die Entwicklung kritisch. Der britische Sportartikelhändler JD Sports verwies zuletzt auf eine fehlende Produktdynamik bei Nike als Belastungsfaktor. Gleichzeitig ist der Börsenwert des Konzerns auf rund 56 Milliarden US-Dollar gesunken, während die Aktie seit Jahresbeginn 2026 etwa 40 Prozent an Wert verloren hat.
Damit konzentriert sich das Management verstärkt auf Produktinnovation, Bestandsabbau, Preisdisziplin und die Stabilisierung der Handelsbeziehungen. Nachhaltigkeitsinvestitionen stehen dadurch stärker im Wettbewerb mit anderen Kapital- und Managementprioritäten, obwohl Nike offiziell an seinen langfristigen Klimazielen festhält.
Aktionäre stimmen hoher CEO-Vergütung zu
Während der Klima-Antrag keine Mehrheit erhielt, billigten die Aktionäre das Vergütungsmodell für das Topmanagement. Elliott Hill erhielt im Geschäftsjahr 2026 eine Gesamtvergütung von rund 36,34 Millionen US-Dollar, darunter Aktienzuteilungen im Wert von etwa 28,1 Millionen Dollar sowie knapp vier Millionen Dollar an Optionszuteilungen.
Auch dieses Votum war umstritten. Der norwegische Staatsfonds kündigte ebenso wie die Stimmrechtsberater Institutional Shareholder Services und Glass Lewis Widerstand gegen das Vergütungspaket an. Die Mehrheit der Anteilseigner folgte den Kritikern jedoch nicht.
Für Nike bleibt damit ein grundlegender Zielkonflikt bestehen. Das Unternehmen muss verlorene Marktanteile zurückgewinnen und gleichzeitig glaubhaft vermitteln, wie die bereits formulierten Klimaversprechen bis 2030 erreicht werden sollen. Die Ablehnung des Aktionärsantrags verschafft dem Management kurzfristig mehr Entscheidungsfreiheit, beseitigt aber nicht den wachsenden Bedarf an nachvollziehbaren Umsetzungsplänen.





