Amazon steht offenbar kurz vor dem Einstieg in den Markt für satellitengestütztes Internet. Mit seinem Projekt „Leo“ will der Konzern noch in diesem Jahr einen ersten Internetdienst starten, wie Amazon der Nachrichtenagentur Reuters mitteilt. Nach dem jüngsten Raketenstart und höheren Produktionszyklen umfasst das Netzwerk inzwischen fast 400 Satelliten und erreicht damit eine kritische Größe für den initialen Betrieb.
Netzwerk erreicht erste Ausbaustufe
Mit dem erfolgreichen Start von 29 weiteren Satelliten hat Amazon die Zahl seiner Leo-Satelliten auf 394 erhöht. Insgesamt wurden seit Beginn des Projekts im Jahr 2025 bereits 398 Satelliten ins All gebracht. Damit sei die Grundlage für einen ersten eingeschränkten Service gelegt. Der vollständige Ausbau ist jedoch deutlich umfangreicher geplant. Insgesamt sollen mehr als 3.200 Satelliten in niedrigen Erdumlaufbahnen ein globales Breitbandnetz ermöglichen.
Amazon unaufhaltsam
Start zunächst in hohen Breitengraden
Amazon hat bislang nicht bekanntgegeben, in welchen Regionen der Dienst zuerst verfügbar sein wird. Branchenbeobachter erwarten jedoch einen gestaffelten Rollout. Die ersten Versorgungsgebiete dürften in den nördlichen und südlichen Polarregionen liegen, bevor das Netz mit zunehmender Satellitenzahl schrittweise Richtung Äquator erweitert wird.
Dieses Vorgehen entspricht der üblichen Strategie beim Aufbau großer Satellitenkonstellationen. Erst mit einer ausreichend hohen Zahl an Satelliten lassen sich unterbrechungsfreie Verbindungen über größere Teile der Erde gewährleisten.
Milliardeninvestition gegen den Marktführer Starlink
Mit Leo steigt Amazon in einen Markt ein, der bislang klar von SpaceX dominiert wird. Dessen Starlink-Netzwerk verfügt inzwischen über rund 10.000 Satelliten und versorgt Millionen Kunden weltweit mit Breitbandinternet.
Amazon verfolgt dabei ein ähnliches Geschäftsmodell. Neben Privatkunden sollen auch Unternehmen, Fluggesellschaften sowie Behörden und staatliche Einrichtungen zu den wichtigsten Zielgruppen gehören. Für den Zugang entwickelt Amazon unterschiedliche Empfangsterminals – von kompakten Endgeräten in Laptop-Größe bis hin zu leistungsstarken Lösungen für professionelle Anwendungen.
Der Konzern investiert seit Jahren zweistellige Milliardenbeträge in den Aufbau der Infrastruktur. Insgesamt plant Amazon den Aufbau einer Konstellation von mehr als 3.200 Satelliten, die langfristig eine nahezu weltweite Internetversorgung ermöglichen soll.
Raketenprobleme bremsen den Ausbau
Der Aufbau des Netzes verläuft allerdings nicht ohne Schwierigkeiten. Während die Atlas-V-Rakete der United Launch Alliance derzeit den Großteil der Missionen übernimmt, sind zwei weitere wichtige Trägersysteme vorübergehend nicht verfügbar.
Besonders schwer wiegt der Rückschlag bei Blue Origin. Nach einer Explosion einer New-Glenn-Rakete auf dem Startgelände im vergangenen Monat wurden Startanlage und Hardware erheblich beschädigt. Blue-Origin-Chef Dave Limp rechnet dennoch damit, den Flugbetrieb noch vor Jahresende wieder aufnehmen zu können. Derzeit untersuchen Ingenieure insbesondere den Triebwerksbereich als mögliche Ursache des Unfalls.
Auch die neue Vulcan-Rakete der United Launch Alliance steht derzeit nach technischen Problemen an den Feststoffboostern am Boden. Da sowohl Vulcan als auch New Glenn auf die von Blue Origin entwickelten BE-4-Triebwerke setzen, könnten sich die Untersuchungen gegenseitig beeinflussen und weitere Verzögerungen verursachen.
Amazon setzt auf mehrere Startdienstleister
Um Abhängigkeiten von einzelnen Raketenprogrammen zu vermeiden, verfolgt Amazon eine breit angelegte Startstrategie. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben rund 100 Raketenstarts bei verschiedenen Anbietern gebucht. Neben United Launch Alliance und Blue Origin gehören auch Europas Ariane 6 sowie SpaceX mit der Falcon-9-Rakete zu den Vertragspartnern.
Diese Diversifizierung soll sicherstellen, dass der Ausbau der Satellitenkonstellation trotz technischer Rückschläge einzelner Anbieter möglichst kontinuierlich voranschreiten kann.
Mit dem bevorstehenden Start des kommerziellen Dienstes beginnt für Amazon nun die entscheidende Phase: Erstmals muss sich das Unternehmen im operativen Wettbewerb mit Starlink behaupten. Während SpaceX aufgrund seiner deutlich größeren Satellitenflotte weiterhin erhebliche Vorteile bei Abdeckung und Kapazität besitzt, könnte Amazon insbesondere Unternehmenskunden mit einer engen Verzahnung zu seinen Cloud-Diensten und einem zweiten globalen Anbieter im Markt ansprechen.


