Der Bundesgerichtshof hat in einem richtungsweisenden Urteil die Werbung für verschreibungspflichtiges Medizinalcannabis gegenüber Verbrauchern untersagt und damit klare Grenzen für die unter Konsumenten beliebten Telemedizin-Plattformen gezogen. Die Entscheidung stärkt das Heilmittelwerberecht und dürfte erhebliche Auswirkungen auf digitale Geschäftsmodelle im Gesundheitsmarkt haben.
Werbung auch ohne Produktnennung unzulässig
Im Zentrum des Verfahrens, in dem die Wettbewerbszentral geklagt hatte, stand die Frage, wann Informationen über verschreibungspflichtige Arzneimittel als unzulässige Werbung gelten. Der BGH stellte klar, dass bereits die konkrete Nennung eines Wirkstoffs – wie medizinisches Cannabis – ausreicht, um den Werbecharakter zu begründen.
Eine explizite Nennung von Herstellern oder Produkten sei nicht erforderlich. Bereits die Beschreibung von Anwendungsgebieten und therapeutischen Einsatzmöglichkeiten könne Verbraucher gezielt beeinflussen und damit gegen das Heilmittelwerbegesetz verstoßen.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Telemedizin-Plattform im Fokus
Gegenstand des Verfahrens war eine Online-Plattform, die Termine bei spezialisierten Ärzten vermittelte und dabei die Möglichkeit einer Cannabis-Therapie hervorhob. Nutzer konnten bereits bei der Anfrage angeben, dass sie eine entsprechende Behandlung wünschen.
Die Plattform war eng mit weiteren Akteuren verzahnt, darunter ärztliche Leistungserbringer sowie Unternehmen im Bereich Großhandel und Versand von Medizinalcannabis. Damit entstand eine durchgängige Wertschöpfungskette von der Beratung bis zur Arzneimittelabgabe.
Schutzfunktion der Verschreibungspflicht
Der BGH betonte die zentrale Schutzfunktion der Verschreibungspflicht. Diese solle verhindern, dass Patienten durch Werbung beeinflusst werden und gezielt bestimmte Arzneimittel nachfragen.
Durch die Darstellung konkreter Therapieoptionen habe die Plattform genau diesen Effekt erzeugt und damit gegen geltendes Recht verstoßen.
Signalwirkung für den Digital-Health-Markt
Während die Bundesregierung den Versandhandel mit medizinischen Cannabis am liebsten wieder ganz verbieten würde, hat das jüngste Urteil kurzfristig weitreichende Konsequenzen für Anbieter im Bereich Telemedizin und digitaler Gesundheitsservices. Es stellt klar, dass das Heilmittelwerberecht auch für Online-Plattformen uneingeschränkt gilt.
Unternehmen können sich nicht darauf berufen, lediglich Informationen bereitzustellen, wenn diese faktisch eine Nachfrage nach verschreibungspflichtigen Medikamenten fördern.
Anpassungsbedarf für Geschäftsmodelle
Insbesondere Plattformen, die bestimmte Indikationen oder Therapieformen in den Vordergrund stellen, müssen ihre Inhalte künftig sorgfältiger prüfen. Die Grenze zwischen Information und Werbung wird durch das Urteil deutlich enger gezogen.
Auch vertikal integrierte Geschäftsmodelle, bei denen Vermittlung, Behandlung und Medikamentenabgabe miteinander verknüpft sind, geraten stärker in den Fokus der Regulierung.
Klare Leitplanken für die Branche
Mit seiner Entscheidung setzt der BGH ein klares Signal: Verschreibungspflichtige Arzneimittel dürfen nicht Gegenstand verbrauchergerichteter Werbung sein – unabhängig vom Kanal.
Für die Branche bedeutet dies eine stärkere regulatorische Orientierung und möglicherweise eine Neuausrichtung bestehender Plattformmodelle im digitalen Gesundheitsmarkt.


