Der dm-Wettbewerber Rossmann baut sein Geschäftsmodell über das klassische Drogeriesortiment hinaus aus. Mit der neu gegründeten ROSSMANN-Apotheke B.V. im niederländischen Emmen entsteht eine eigenständige Versandapotheke, die Kunden künftig rezeptfreie Arzneimittel, apothekennahe Gesundheitsprodukte sowie perspektivisch auch die Einlösung von E-Rezepten anbieten wird.
Die Entscheidung kommt nicht überraschend. Bereits Anfang des Jahres hatte Rossmann angekündigt, an einer eigenen Versandapotheke zu arbeiten. Nun nennt das Unternehmen erstmals einen konkreten Zeitrahmen: Der Marktstart ist für Ende 2026 vorgesehen. Parallel läuft laut neuer Pressemitteilung bereits die Rekrutierung von pharmazeutischem Fachpersonal sowie der Aufbau von Kooperationen mit Unternehmen aus der Gesundheits- und Pharmaindustrie.
dm hat den Weg bereitet
Rossmann folgt dabei einem Wettbewerber, der den Markt bereits aufgerüttelt hat. dm eröffnete Ende 2025 mit dm-med seine eigene Versandapotheke und integrierte das Angebot direkt in seine App und den Online-Shop. Zum Sortiment gehören mehrere tausend rezeptfreie Arzneimittel, apothekenpflichtige Produkte, Dermokosmetik sowie Nahrungsergänzungsmittel. Ergänzt wird das Gesundheitsangebot durch digitale Gesundheitsservices wie Haut- oder Blutanalysen in ausgewählten Filialen.
Rossmann macht keinen Hehl daraus, dass der Wettbewerber als Vorbild diente. Unternehmenschef Raoul Roßmann hatte bereits im Frühjahr erklärt, man wolle dem Wettbewerb nicht hinterherlaufen und habe sich durch dm inspirieren lassen. Gleichzeitig betonte er, dass der Aufbau einer Versandapotheke technisch, regulatorisch und finanziell ein langfristiges Investment sei.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Die App wird zum digitalen Gesundheitsportal
Im Mittelpunkt der Strategie steht die Rossmann-App. Nach Unternehmensangaben nutzen sie inzwischen mehr als zwölf Millionen Menschen aktiv. Künftig soll sie weit mehr sein als eine Coupon- und Einkaufsplattform.
Über die App sollen Kundinnen und Kunden künftig Arzneimittel bestellen, Gesundheitsprodukte auswählen und gesetzlich zulässige E-Rezepte digital einlösen können. Damit entwickelt sich die Anwendung zu einem zentralen Zugangspunkt für Gesundheitsdienstleistungen – ähnlich wie es Amazon in den USA oder etablierte Versandapotheken bereits vormachen.
Der Ansatz folgt einem klaren Muster: Handelsunternehmen nutzen ihre enorme Kundenreichweite und hohe Markenbekanntheit, um zusätzliche Dienstleistungen anzubieten, die weit über den klassischen Einzelhandel hinausgehen.
Niederlande bleiben das Tor zum deutschen Arzneimittelmarkt
Wie bereits zahlreiche etablierte Versandapotheken setzt auch Rossmann auf einen Standort in den Niederlanden. Die ROSSMANN-Apotheke B.V. entsteht im grenznahen Emmen. Der Standort ist kein Zufall. Das europäische Recht ermöglicht seit Jahren den Versand verschreibungspflichtiger und rezeptfreier Medikamente nach Deutschland. Unternehmen wie Redcare Pharmacy (ehemals Shop Apotheke) oder DocMorris haben auf dieser Grundlage milliardenschwere Geschäftsmodelle aufgebaut.
Mit der Einführung des E-Rezepts hat sich das Marktpotenzial zusätzlich deutlich erhöht. Der digitale Verordnungsprozess vereinfacht die Bestellung verschreibungspflichtiger Medikamente erheblich und gilt als einer der wichtigsten Wachstumstreiber für den Versandhandel mit Arzneimitteln. Entsprechend wächst der Online-Arzneimittelmarkt seit Einführung des E-Rezepts dynamisch weiter.
Druck auf Vor-Ort-Apotheken wächst weiter
Für stationäre Apotheken bedeutet der Einstieg der großen Drogerieketten eine weitere Verschärfung des Wettbewerbs. Schon der Markteintritt von dm hatte erhebliche Kritik aus Apothekerkreisen ausgelöst. Befürchtet wird, dass große Handelsunternehmen ihre enorme Reichweite und Marketingkraft nutzen könnten, um den ohnehin unter Druck stehenden Apotheken zusätzliche Umsätze abzunehmen.
Befürworter verweisen dagegen auf einen niedrigschwelligen Zugang zu Arzneimitteln, digitale Beratungsmöglichkeiten und den Komfort der E-Rezept-Einlösung per Smartphone. Gerade chronisch kranke oder mobilitätseingeschränkte Patientinnen und Patienten könnten von einer stärkeren Digitalisierung profitieren.
Mehr als ein neues Sortiment
Der Einstieg von Rossmann zeigt einen grundlegenden Wandel im Drogeriehandel. Gesundheitsprodukte entwickeln sich zunehmend zu einem strategischen Wachstumsfeld. Während klassische Drogerieartikel vielfach austauschbar geworden sind, bieten digitale Gesundheitsservices, Arzneimittel und Präventionsangebote deutlich höhere Kundenbindung.
Mit dm und Rossmann investieren nun die beiden größten Drogerieketten Deutschlands parallel in digitale Gesundheitsplattformen. Damit verschiebt sich der Wettbewerb vom Regal zunehmend auf das Smartphone. Die App wird zur zentralen Kundenschnittstelle – nicht mehr nur für Coupons und Einkäufe, sondern für Gesundheitsleistungen, E-Rezepte und künftig möglicherweise weitere digitale Versorgungsangebote.
Ob sich daraus tatsächlich eine neue Marktordnung entwickelt, wird wesentlich davon abhängen, wie schnell Verbraucher diese Angebote annehmen und wie sich die regulatorischen Rahmenbedingungen für den digitalen Arzneimittelhandel weiterentwickeln.




