Ssense, der ikonische kanadische Onlinehändler für Luxusmode, soll angekündigt haben, Gläubigerschutz nach dem Companies’ Creditors Arrangement Act (CCAA) zu beantragen. Damit reagiert das Unternehmen auf den zunehmenden Druck seiner Gläubiger, die auf einen Verkauf drängen. Laut einem internen Memo, das dem The Business of Fashion vorliegt, wurde die Entscheidung getroffen, um die Kontrolle über die eigenen Vermögenswerte zu behalten und Zeit für eine Restrukturierung zu gewinnen.
Tarifschock trifft Geschäftsmodell unerwartet
Besonders belastend für Ssense waren Änderungen in der US-Handelspolitik. Die Einführung eines 25-prozentigen Strafzolls auf kanadische Importe sowie die Aufhebung der sogenannten „de minimis“-Regel, die zollfreie Einfuhren bis 800 US-Dollar (rund 745 Euro) erlaubte, wirkten sich drastisch auf das Geschäftsmodell aus. Diese Änderungen traten überraschend in Kraft und stellten das Unternehmen vor ernsthafte logistische und finanzielle Herausforderungen. Der Wegfall der Zollbefreiung tritt offiziell am Freitag in Kraft und dürfte die Margen weiter belasten.
CEO Rami Atallah betonte laut dem Memo gegenüber den Mitarbeitern, dass man mit eigenen Finanz- und Rechtsexperten einen Restrukturierungsplan ausgearbeitet habe. Ziel sei es, den Betrieb aufrechtzuerhalten, Arbeitsplätze zu sichern und eine langfristige Perspektive für das Unternehmen zu schaffen. Die Entscheidung über die Zukunft von Ssense soll innerhalb der kommenden Woche durch das zuständige Gericht getroffen werden. Bis dahin will das Unternehmen seine Geschäfte normal weiterführen und weiterhin Gehälter und Leistungen auszahlen.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Geschichte, Umsatz und Hintergrund von Ssense
Ssense, der renommierte kanadische Online-Händler für Luxusmode, wurde 2003 in Montreal von den drei Brüdern Rami, Firas und Bassel Atallah gegründet. Rami, der heutige CEO, entwickelte die Plattform ursprünglich als Teil seiner Abschlussarbeit im Studiengang Computer Engineering. Die Familie, die aus Syrien stammte und nach Kanada emigrierte, investierte anfangs privat in das Unternehmen, das sich auf eine Mischung aus etablierten Luxusmarken wie Gucci, Balenciaga und Prada sowie aufstrebenden Streetwear- und Avantgarde-Designern spezialisierte. Der Fokus lag von Beginn an auf datengetriebener Personalisierung und innovativer E-Commerce-Technologie, was Ssense von traditionellen Retailern abhob.
Die ersten Meilensteine umfassten die Eröffnung eines physischen Ladens in Montreal 2004, gefolgt von einem Lager und Hauptquartier 2005 sowie dem Launch des Online-Shops 2006. 2009 erweiterte sich das Sortiment auf Menswear, und 2012 kamen Streetwear-Brands hinzu, was die Plattform zu einem Hotspot für Millennials und Gen Z machte – rund 80 Prozent der Kunden sind unter 40 Jahre alt. Wichtige Akquisitionen wie die Übernahme der Community-Plattform Polyvore von Yahoo! im Jahr 2018 unterstrichen den ambitionierten Ansatz. Im selben Jahr eröffnete Ssense ein ikonisches Flagship-Store in einem historischen Gebäude in Montreal, entworfen von Architekt David Chipperfield, das als Erlebnisraum mit Café, Kunstgalerie und Hybrid-Shopping dient. Die Plattform versendet heute in über 114 Länder und bietet Inhalte in Englisch, Französisch, Chinesisch, Japanisch und Koreanisch an.
Finanziell wuchs Ssense rasant: Das Unternehmen war von Anfang an profitabel und erzielte hohe zweistellige Wachstumsraten. Schätzungen zufolge lag der Umsatz 2021 bei über 750 Millionen US-Dollar, mit einer Bewertung von mehr als 4 Milliarden US-Dollar nach einer Minderheitsinvestition von Sequoia Capital China (heute HongShan). Diese erste externe Finanzierung im Juni 2021 zielte auf globale Expansion ab, insbesondere in China, wo der Luxusmarkt boomt.
Trotz des Erfolgs prallte Ssense 2022 von einem Cyberangriff ab, der Mitarbeiterdaten kompromittierte, und 2025 von einem Luxusmarkt-Rückgang, der zu einem Umsatzrückgang von 28 Prozent in der ersten Jahreshälfte führte. Im Mai 2025 wurden über 100 Stellen abgebaut, was den Druck durch Gläubiger verstärkte. Die aktuelle CCAA-Antragstellung ist ein Versuch, die Kontrolle zu behalten und eine Restrukturierung zu ermöglichen, um den Betrieb langfristig zu sichern.



