Die Logistikbranche in Deutschland steht vor einer tiefgreifenden energiepolitischen Herausforderung. Nach einer Studie des Instituts für Kraftfahrzeuge der RWTH Aachen University im Auftrag des DSLV Bundesverband Spedition und Logistik wird der Strombedarf des Sektors bis 2045 auf rund 186 Terawattstunden steigen. Das entspricht dem Achtfachen des heutigen Verbrauchs und würde die Logistik zu einem der größten Stromverbraucher des Landes machen.
Treiber dieser Entwicklung ist vor allem die Elektrifizierung des Güterverkehrs. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die europäischen Vorgaben zur Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs weitgehend umgesetzt werden. Demnach sollen bis 2040 bereits 90 Prozent aller neu zugelassenen Lastwagen lokal emissionsfrei unterwegs sein.
Straßengüterverkehr dominiert den Energiebedarf
Der größte Anteil des künftigen Stromverbrauchs entfällt auf den Straßengüterverkehr. Für das Jahr 2045 rechnen die Forscher mit einem Bedarf von 155,8 Terawattstunden. Das entspricht rund 84 Prozent des gesamten Energiebedarfs der untersuchten Logistikbereiche.
Weitere 22,3 Terawattstunden werden auf Logistikimmobilien wie Distributionszentren, Fulfillment-Center, Kühllager und Umschlagzentren entfallen. Der Schienengüterverkehr benötigt nach den Berechnungen zusätzlich 7,8 Terawattstunden.
Bereits im Jahr 2035 wird die Branche voraussichtlich mehr Strom verbrauchen als die deutsche Stahl- und Chemieindustrie zusammen. Damit tritt die Logistik zunehmend in Konkurrenz zu energieintensiven Industriezweigen um Netzkapazitäten und bezahlbare Energie.
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Netzbelastung nimmt deutlich zu
Neben dem steigenden Gesamtbedarf sehen die Autoren der Studie vor allem die Lastspitzen als Herausforderung. Wenn elektrische Lkw-Flotten gleichzeitig geladen werden und dies mit erhöhten Verbräuchen in Logistikzentren sowie dem Schienengüterverkehr zusammenfällt, könnten Lastspitzen von mehr als 57 Gigawatt entstehen.
Diese Spitzenlast entspräche rund 70 Prozent der heutigen maximalen Netzbelastung in Deutschland. Nach Einschätzung der Studienautoren müssen diese Entwicklungen frühzeitig in die Netzplanung einbezogen werden, um Engpässe zu vermeiden.
Photovoltaik allein reicht nicht aus
Zwar verfügt die Branche über erhebliche Potenziale zur Eigenstromerzeugung. Die auf Logistikdächern installierbare Photovoltaik-Leistung könnte bis 2045 auf 22,6 Gigawatt anwachsen und jährlich rund 20,5 Terawattstunden Strom erzeugen.
Dennoch reicht dieser Ausbau nicht aus, um den steigenden Energiebedarf zu decken. Während Photovoltaikanlagen heute noch rund ein Viertel des Strombedarfs der Branche abdecken können, sinkt dieser Anteil laut Studie bis 2045 auf etwa elf Prozent.
Verband fordert Netzausbau und günstigere Strompreise
Vor dem Hintergrund der Ergebnisse fordert der DSLV einen beschleunigten Ausbau der Stromnetze sowie schnellere Genehmigungsverfahren für Netzanschlüsse und Ladeinfrastruktur. Gleichzeitig müsse die Politik die Wettbewerbsfähigkeit der Branche durch niedrigere Stromkosten sichern.
Darüber hinaus sieht der Verband Logistikstandorte künftig verstärkt als Energie-Hubs. Durch die Kombination von Photovoltaik, Batteriespeichern und Ladeinfrastruktur könnten Lastspitzen reduziert und die Eigenversorgung verbessert werden.
Die Studie macht deutlich, dass die Transformation des Güterverkehrs weit über die Verkehrsbranche hinausreicht. Der Erfolg der Dekarbonisierung hängt nach Einschätzung der Autoren maßgeblich davon ab, ob ausreichend Stromerzeugung, leistungsfähige Netze und wirtschaftlich tragfähige Rahmenbedingungen geschaffen werden.


