Temu hat im ersten Halbjahr 2025 durchschnittlich 115,7 Millionen monatlich aktive Nutzer in der Europäischen Union erreicht. Das geht aus dem Temu Transparency Report 2025 hervor, der Ende August veröffentlicht wurde und sich auf den Zeitraum von Januar bis Juni bezieht. Damit übertrifft der chinesisch kontrollierte Marktplatz erneut die Schwelle für eine sogenannte Very Large Online Platform (VLOP) nach Digital Services Act (DSA) deutlich – und unterliegt damit strengeren regulatorischen Auflagen der EU.
Schnelles Wachstum in der gesamten EU
Im Vergleich zu den 75 Millionen monatlich aktiven Nutzern im Vorjahr hat Temu in nur zwölf Monaten über 40 Millionen neue Nutzer hinzugewonnen – ein Anstieg von mehr als 50 Prozent. Die Zahl bezieht sich auf alle aktiven „Empfänger von Diensten“ im Sinne des DSA, also nicht nur Käufer, sondern auch Besucher der Plattform.
Der Report stellt klar, dass die Daten nicht mit Marketingkennzahlen zu verwechseln sind, sondern auf einer von der EU standardisierten Methodik beruhen. Das Wachstum sei breit über verschiedene Mitgliedsstaaten verteilt, mit starken Zuwächsen in großen Märkten wie Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien. Eine detaillierte Aufschlüsselung der Nutzerzahlen erfolgt in einem separaten quantitativen Bericht.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Temu unterliegt VLOP-Regelungen seit Mai 2024
Mit der offiziellen Einstufung als VLOP im Mai 2024 ist Temu verpflichtet, halbjährlich Transparenzberichte zu veröffentlichen – inklusive Nutzerzahlen, aber auch umfassender Informationen zu Maßnahmen der Inhaltsmoderation, Produktsicherheit und dem Umgang mit Risiken.
Im Zentrum des aktuellen Berichts steht Temus Versuch, das Plattformumfeld sicher, vertrauenswürdig und regelkonform zu gestalten. Das Unternehmen – betrieben durch Whaleco Technology Limited in Dublin – verweist auf weitreichende Investitionen in technische und personelle Ressourcen, um den DSA-Anforderungen gerecht zu werden.
Automatisierte Systeme zur Inhaltsmoderation
Laut Bericht (PDF) nutzt Temu fortgeschrittene algorithmische Systeme, um Verstöße gegen Richtlinien frühzeitig zu erkennen. Dies betrifft Produktbeschreibungen, Bilder, Videos und Rezensionen. Automatisierte Systeme durchsuchen Inhalte vor und nach ihrer Veröffentlichung nach problematischen Begriffen, Fälschungen oder Hinweisen auf gefährliche Produkte.
Verdächtige Inhalte werden für eine manuelle Prüfung durch ein mehrsprachiges Team weitergeleitet. Dabei kommt ein Eskalationsmodell zum Einsatz: Kann die Automatik keine sichere Bewertung abgeben, übernimmt ein Moderator.
Händler durchlaufen vor der Freischaltung ein mehrstufiges Verifikationsverfahren, bei dem u. a. Identitätsnachweise und Geschäftslizenzen mit Datenbanken abgeglichen werden. Auch dies erfolgt automatisiert, mit manueller Nachkontrolle bei Unstimmigkeiten.
Produktsicherheit und Markenschutz im Fokus
Ein zentraler Aspekt des DSA ist die Produktsicherheit – und hier sieht sich Temu besonders in der Pflicht. Produktlisten werden vor Veröffentlichung algorithmisch auf Regelkonformität überprüft. Der Algorithmus erkennt Verstöße gegen Sicherheitsvorgaben, gefälschte Zertifikate oder auffällige Formulierungen.
Zudem führt Temu regelmäßige, automatisierte Scans durch, um Markenrechtsverletzungen aufzudecken. Dabei werden Logos, Begriffe und visuelle Merkmale mit Daten aus einer internen IP-Datenbank abgeglichen. Diese umfasst sowohl registrierte Marken als auch besonders risikobehaftete Kategorien.
Rechtsinhaber können über ein spezielles Brand Registry Portal Schutzrechte hinterlegen, Verstöße melden und Löschungen beantragen. Wiederholungstäter unter den Händlern werden sanktioniert – bis hin zur Sperrung des Shops.
Menschliche Moderatoren mit Spezialtraining
Die Inhalte auf Temu werden nicht ausschließlich maschinell geprüft. Überall dort, wo automatisierte Mittel an ihre Grenzen stoßen – etwa bei komplexen rechtlichen oder kulturellen Fragen – greift ein Team geschulter Moderatoren ein.
Alle Moderatoren erhalten eine Grundschulung über mehrere Wochen, regelmäßige Weiterbildungen und Spezialtrainings für sensible Themen wie Religion, Jugendschutz oder geistiges Eigentum. Im IP-Bereich beschäftigt Temu nach eigenen Angaben auch Juristen und Experten mit technischem Hintergrund.
Die Teams sind mehrsprachig aufgestellt, um lokale Eigenheiten der Mitgliedsstaaten zu berücksichtigen. So soll sichergestellt werden, dass auch kulturelle Feinheiten bei Bewertungen eine Rolle spielen.
EU erwartet detailliertere Einblicke
Mit steigender Reichweite wachsen auch die Erwartungen der Regulierungsbehörden. Die EU-Kommission sowie nationale Aufsichtsstellen fordern künftig tiefere Einblicke – etwa zur Effektivität automatisierter Prüfungen, zum Schutz von Verbrauchern und zur Bekämpfung von Markenmissbrauch.
Temu zeigt sich laut Bericht bemüht, nicht nur die gesetzlichen Mindestanforderungen zu erfüllen, sondern den DSA auch als Maßstab für interne Weiterentwicklung zu nutzen. Dennoch bleibt abzuwarten, wie die Plattform künftige Prüfungen und Audits bestehen wird – insbesondere mit Blick auf die grenzüberschreitende Regulierung und zunehmende rechtliche Fragmentierung in der EU.


