Operative Herausforderungen wie geopolitische Unsicherheiten oder Handelszölle dominieren derzeit vielerorts die Agenda im Einzelhandel. Doch wer sich nur mit dem Tagesgeschäft beschäftigt, droht laut einer neuen Studie von Bain & Company die Weichen für die Zukunft zu verpassen. In ihrer Analyse „The Future of Retail“ beschreibt die Beratung sechs tiefgreifende Disruptionen, die den Einzelhandel bis 2035 grundlegend umformen könnten – technologisch, strukturell und strategisch.
Strategische Orientierung statt operativer Enge
Die Branche steht vor tektonischen Verschiebungen, die sich schon heute abzeichnen. Bain-Partner Nikolaus Zacher warnt: Wer jetzt nicht in Szenarien denkt und strategisch investiert, riskiert den Anschluss zu verlieren. Vor allem, weil zentrale Wettbewerbsfaktoren wie Preisgestaltung oder Sortimentsplanung durch Automatisierung zunehmend standardisiert werden. Wer diese Hebel nicht technologisch optimiert, wird laut Bain mittelfristig Margendruck spüren.
Zugleich geraten klassische Kundenbindungsmodelle unter Druck. KI-basierte Einkaufsassistenten könnten den direkten Einfluss von Marken auf die Kaufentscheidung schwächen. Händler müssten sich darauf einstellen, dass digitale Loyalitätsprogramme an Bedeutung verlieren und neue Ansätze gefragt sind, um Kundenbedürfnisse situativ und kontextbezogen zu erfüllen.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Neue Geschäftsmodelle gewinnen an Bedeutung
Immer mehr Handelsunternehmen erweitern ihr Portfolio über den klassischen Produktverkauf hinaus. Retail Media, Marktplätze, Finanzdienste oder Logistiklösungen machten laut Bain-Analyse 2024 bereits 15 Prozent des Umsatzes und 25 Prozent des Gewinns eines durchschnittlichen Einzelhändlers in Europa und den USA aus. Drei Jahre zuvor lagen diese Werte noch bei zehn Prozent. Die Relevanz dieser Geschäftsfelder dürfte weiter steigen.
Auch im Lebensmitteleinzelhandel verwischen die Grenzen: Eigenmarken werden strategisch ausgebaut, wodurch sich Händler in Richtung Konsumgüterhersteller bewegen. Nahezu die Hälfte der Konsumenten suche inzwischen gezielt nach Handelsmarken – eine Entwicklung mit hohem Differenzierungspotenzial.
Neue Rollen für Filialen, mehr internationale Allianzen
Der stationäre Handel muss sich laut Bain neu erfinden. Nicht zwangsläufig durch Filialabbau, sondern durch alternative Nutzungskonzepte: Pop-up-Stores, Shop-in-Shop-Modelle oder Flächenverpachtungen an Drittanbieter gelten als potenzielle Optionen. Parallel dazu nimmt die Suche nach Skaleneffekten grenzüberschreitende Züge an. Lokale Größenvorteile reichen nicht mehr aus, um technologisch mitzuhalten. Virtuelle Allianzen und internationale Zusammenschlüsse könnten künftig Investitionen in moderne Infrastruktur absichern.
Frühzeitig handeln sichert Wettbewerbsfähigkeit
Bain-Partner Philipp Sautner plädiert für eine vorausschauende Steuerung: „Szenarioplanung hilft Führungskräften, sich von der kurzfristigen Quartalslogik zu lösen.“ Wer gezielt investiert und neue Ertragsquellen erschließt, kann sich im kommenden Jahrzehnt eine Führungsposition im globalen Wettbewerb sichern.


