Im boomenden Markt für KI-gestützte Einkaufsfunktionen holt Amazon zuletzt im Rundumschlag aus und stellt seine intern entwickelte Shopping-Technologie nun auch anderen Händlern zur Verfügung. Über Amazon Web Services (AWS) erhalten Unternehmen Zugriff auf ein umfassendes Paket aus Architektur, Starter-Code und technischer Unterstützung, um eigene KI-gestützte Shopping-Assistenten zu entwickeln und laut Amazon „innerhalb von rund 60 Tagen produktiv“ zu setzen.
Die Initiative folgt einer bekannten Strategie des Konzerns: Technologien, die ursprünglich zur Lösung interner Herausforderungen entwickelt wurden, werden als skalierbare Services vermarktet – ein Modell, das bereits mit AWS im Cloud-Geschäft erfolgreich etabliert und nun über „Amazon Supply Chain Services“ die Öffnung der Logistikservices auf ein nächstes Level gehoben wird.
KI-Shopping als Cloud-Produkt
Mit dem Agentic Shopping Assistant (ASA) stellt AWS die technologische Grundlage hinter Amazons KI-Einkaufsfunktionen auch externen Händlern bereit. Die Lösung ermöglicht es Kunden, in natürlicher Sprache mit einem Online-Shop zu interagieren, Produkte zu entdecken, zu vergleichen und fundierte Kaufentscheidungen zu treffen – weit über klassische Such- und Filtermechanismen hinaus.
Die Technologie basiert auf denselben Kernkomponenten, die Amazon selbst für seine Shopping-Assistenten sowie das nun auch in Deutschland gestartetem Alexa+ nutzt, wird jedoch individuell auf jeden Händler zugeschnitten. Dabei fließen Katalogdaten, Kundenverhalten, Markenidentität und spezifische Geschäftslogiken in die Systeme ein. AWS unterstützt den Implementierungsprozess zusätzlich mit Expertenwissen und Partnernetzwerken, sodass Unternehmen schneller zu marktreifen Lösungen gelangen.
Amazon unaufhaltsam
Wettbewerbsvorteil versus Abhängigkeit
Für viele Händler entwickelt sich eine eigene KI-gestützte Shopping-Erfahrung zunehmend zum strategischen Muss. Konversationsbasierte Interfaces erzielen laut Analysen deutlich höhere Konversionsraten als klassische Suchfunktionen – in Einzelfällen mehr als das 3,5-Fache. Ohne entsprechende Technologien riskieren Händler, sich stärker von generischen Empfehlungs- und Antwortsystemen abhängig zu machen, die weder Markenidentität noch Produkttiefe ausreichend abbilden.
Gleichzeitig bleibt die Nutzung von AWS nicht frei von Vorbehalten. Als bedeutender Akteur im E-Commerce ist Amazon für viele Händler auch ein direkter Wettbewerber. AWS begegnet dieser Skepsis mit dem Hinweis, dass Datenverarbeitung und Integration ausschließlich in der Cloud-Infrastruktur erfolgen und nicht mit dem Marktplatzgeschäft verknüpft sind.
Erste Implementierungen und Use Cases
Ein konkretes Praxisbeispiel liefert die Marke Kate Spade aus dem Tapestry-Konzern. Dort wurde ein KI-gestützter Gift-Concierge entwickelt, der Kunden interaktiv durch den Geschenkekauf führt. Über eine dialogbasierte Abfrage von Anlass, Stil und Zielperson werden personalisierte Produktempfehlungen generiert. Die Umsetzung des Systems erfolgte innerhalb von etwa zweieinhalb Monaten inklusive Testphase.
Das Beispiel zeigt, dass ASA nicht nur ein technisches Framework ist, sondern konkrete Mehrwerte für Marken bietet, die ihre Customer Journey stärker personalisieren möchten.
Strategische Einordnung
Die Öffnung der KI-basierten Shopping-Technologie für externe Händler markiert einen wichtigen Schritt in Amazons Plattformstrategie. Der Konzern nutzt seine umfangreichen Erfahrungen aus dem eigenen E-Commerce-Betrieb – einschließlich Milliarden realer Interaktionen und signifikanter Umsatzbeiträge durch KI-gestützte Empfehlungen – als Grundlage für neue Serviceangebote.
Damit folgt Amazon einem branchenweiten Trend: Technologien, die früher ausschließlich intern genutzt wurden, werden zunehmend als skalierbare Produkte angeboten. Für den Handel entstehen daraus neue Chancen zur Differenzierung, gleichzeitig aber auch wachsende Abhängigkeiten von großen Technologieanbietern.




