Der seit diesem Jahr offiziell weltgrößte Händler Amazon hat sein Logistiknetzwerk über Jahrzehnte primär als internes Effizienzinstrument aufgebaut. Nun wird daraus ein eigenständiges Geschäftsmodell: Mit den Amazon Supply Chain Services (ASCS) öffnet der Konzern sein gesamtes Logistikportfolio erstmals für externe Unternehmen – unabhängig davon, ob sie auf dem Marktplatz aktiv sind.
Was als Infrastruktur für den eigenen Onlinehandel begann, entwickelt sich damit zur strategischen Plattform. Der gestern kommunizierte Schritt erinnert bewusst an die Transformation von Amazon Web Services: Auch dort wurde eine interne Fähigkeit zu einem global dominierenden Service ausgebaut. Die Stoßrichtung ist eindeutig – Amazon zielt nicht mehr nur auf Händler, sondern auf die Kontrolle kompletter Lieferketten.
Vom Händlernetzwerk zur offenen Logistikplattform
Die Dimension dieser Entwicklung zeigt sich in den bisherigen Volumina: Seit 2006 wurden mehr als 80 Milliarden Produkte über Fulfillment by Amazon verschickt. Allein in den vergangenen drei Jahren nutzten Hunderttausende Partner das Netzwerk auch außerhalb des Marktplatzes, etwa für externe Vertriebskanäle oder eigene Webshops.
Inzwischen bewegen unabhängige Verkäufer jährlich rund fünf Milliarden Produkte durch Amazons Logistiksystem. Händler, die End-to-End-Lösungen einsetzen, erzielen laut Unternehmensangaben im Schnitt rund 20 Prozent höhere Umsätze. Mit ASCS weitet Amazon dieses Modell nun konsequent aus – erstmals auch auf klassische Industrie- und Handelsunternehmen.
Amazon unaufhaltsam
Industriegrößen steigen ein
Zu den ersten Kunden gehören internationale Konzerne aus unterschiedlichen Branchen. Procter & Gamble nutzt Amazons Frachtlösungen für den Transport von Rohstoffen und Fertigwaren. 3M integriert das Netzwerk in seine globale Distributionslogistik. Lands’ End setzt auf einen zentralisierten Lagerbestand für kanalübergreifende Auftragsabwicklung. American Eagle Outfitters nutzt Amazons Zustellnetz für den landesweiten Versand seiner Marken.
Damit vollzieht Amazon endgültig den Schritt vom E-Commerce-Dienstleister zum vollwertigen Third-Party-Logistics-Anbieter.
Das Leistungsportfolio: Ende-zu-Ende aus einer Hand
ASCS bündelt die gesamte Lieferkette in drei zentralen Bereichen. Im Segment Freight organisiert Amazon globale Transporte per See-, Luft-, Straßen- und Schienenverkehr inklusive Zollabwicklung und Sendungsverfolgung. Im Bereich Distribution & Fulfillment können Unternehmen Waren importieren, lagern und flexibel über verschiedene Vertriebskanäle aus einem einheitlichen Bestand heraus bedienen. Ergänzt wird dies durch Parcel Shipping auf der letzten Meile mit schnellen Lieferzeiten, Wochenendzustellung und flexiblen Abholoptionen.
Gesteuert wird alles über eine zentrale digitale Plattform, die Buchung, Überwachung und Optimierung der Prozesse integriert.
Strategischer Angriff auf etablierte Logistiker
Mit diesem Angebot positioniert sich Amazon in direkter Konkurrenz zu globalen Logistikriesen. Der entscheidende Unterschied liegt in der Integration: Während klassische Anbieter oft fragmentierte Strukturen nutzen, kontrolliert Amazon die gesamte Wertschöpfungskette – von der Fracht bis zur Zustellung.
Hinzu kommen Skaleneffekte aus dem eigenen Handelsgeschäft, die für eine hohe Grundauslastung sorgen. Gleichzeitig nutzt Amazon umfangreiche Daten und KI-gestützte Prognosen, um Nachfrage, Bestände und Lieferströme in Echtzeit zu optimieren. Für bestehende Marktplatzhändler entsteht ein zusätzlicher Vorteil durch die nahtlose Verzahnung von Verkauf und Logistik.
Dennoch bleiben Vorbehalte: Viele Marken sehen Amazon weiterhin als direkten Wettbewerber. Zudem wächst die regulatorische Aufmerksamkeit, insbesondere in Europa. Auch die strategische Abhängigkeit von einem dominanten Plattformanbieter stellt für Unternehmen ein Risiko dar.
Plattformisierung der Logistik
Der globale Logistikmarkt gilt als fragmentiert und margenschwach. Amazon bringt nun Elemente ein, die bisher vor allem aus der Digitalwirtschaft bekannt sind: Standardisierung, zentrale Steuerung, vertikale Integration und datengetriebene Optimierung.
Sollte sich dieses Modell durchsetzen, könnte sich die Rolle klassischer 3PL-Anbieter grundlegend verändern. Sie würden zunehmend zu Kapazitätslieferanten innerhalb größerer Plattformökosysteme werden.
Für den Handel – insbesondere im Omnichannel-Kontext – entsteht gleichzeitig eine neue Option: Ein einziger Anbieter deckt die gesamte Supply Chain vom Produktionsstandort bis zum Endkunden ab. Amazon überträgt damit sein Plattformprinzip konsequent auf die physische Welt der Logistik.


