Die hohen Bewertungen amerikanischer Technologiekonzerne dürften nach Einschätzung von Ökonomen der Europäischen Zentralbank früher oder später eine Korrektur erfahren. In einem neuen Blogbeitrag argumentieren fünf EZB-Ökonomen, dass historische Technologiezyklen regelmäßig von einem Boom und einer anschließenden Neubewertung geprägt waren.
Die Autoren stellen dabei nicht den wirtschaftlichen Nutzen künstlicher Intelligenz infrage. Eine Korrektur könne selbst dann eintreten, wenn KI die hohen Erwartungen an ihre wirtschaftliche Bedeutung grundsätzlich erfüllt. Der Beitrag gibt die Einschätzung der Autoren wieder und entspricht nicht notwendigerweise der offiziellen Position der EZB.
US-Bewertungen nahe historischen Höchstständen
Gemessen am konjunkturbereinigten Kurs-Gewinn-Verhältnis CAPE liegen die Bewertungen am US-Aktienmarkt laut EZB-Blog nahe ihrem historischen Höchststand. Vor allem die Erwartungen an künstliche Intelligenz haben die Kurse großer Technologiekonzerne angetrieben.
Die Autoren ziehen Parallelen zum Eisenbahnboom des 19. Jahrhunderts, zu Elektrizität und Radio in den 1920er-Jahren sowie zum Internetboom der 1990er-Jahre. Hinter der Euphorie standen jeweils tatsächlich bedeutende Innovationen. Dennoch folgten auf stark steigende Aktienbewertungen später deutliche Korrekturen.
Ein Grund liegt in der Unsicherheit über das wirtschaftliche Potenzial neuer Technologien. Hohe Bewertungen können zunächst rational sein, weil Anleger außergewöhnliche künftige Gewinne erwarten. Mit zunehmender Verbreitung verändert sich jedoch das Risiko: Aus Unsicherheit über einzelne Unternehmen kann ein gesamtwirtschaftliches Risiko werden. Anleger verlangen dann höhere Risikoprämien, was die Bewertungen belastet.
Zusätzlich können überoptimistische Investoren die Kurse über fundamental gerechtfertigte Niveaus treiben. Schwindet die Euphorie, kann die Gegenbewegung entsprechend kräftig ausfallen.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Euro-Haushalte mit 440 Milliarden Euro exponiert
Für Europa ist das besonders relevant, weil Anleger aus dem Euroraum erheblich in amerikanische Technologieaktien investiert sind. Private Haushalte im Euroraum verfügen laut Berechnungen der Autoren über ein Engagement von rund 440 Milliarden Euro in US-Technologiewerten. Ein großer Teil entsteht indirekt über Investmentfonds und ETFs. Auch Versicherungen und Pensionsfonds sind erheblich in den sogenannten Magnificent Seven engagiert.
Diese Fondsstruktur kann eine Korrektur zusätzlich verstärken. Ziehen Anleger bei fallenden Kursen Kapital ab, müssen Fonds Vermögenswerte verkaufen. Weitere Kursverluste könnten zusätzliche Rückgaben auslösen und damit den Verkaufsdruck erhöhen.
Eine starke Korrektur großer US-Technologieaktien wäre deshalb nach Einschätzung der Autoren auch eine Frage der Finanzstabilität.
Weniger wirtschaftspolitischer Spielraum
Besonders problematisch wäre ein Kurssturz, wenn er mit breiteren Marktverwerfungen zusammenfällt. Anders als beim Platzen der Dotcom-Blase seien die Möglichkeiten von Geld- und Fiskalpolitik heute begrenzter, einen größeren wirtschaftlichen Schock abzufedern.
Die Auswirkungen könnten deshalb über unmittelbare Börsenverluste hinausgehen und Finanzierungskonditionen, Investitionen, Beschäftigung und wirtschaftliche Stimmung beeinträchtigen.
Europa selbst weniger stark überhitzt
Eine eigenständige KI-Blase erscheint im Euroraum dagegen weniger ausgeprägt. Zwar sind auch europäische Aktienkurse gestiegen, die Bewertungen liegen jedoch deutlich unter dem US-Niveau.
Zudem werden die europäischen Börsen stärker von Unternehmen traditioneller Branchen geprägt. Der Informations- und Kommunikationstechnologiesektor zeigt laut EZB-Blog bislang keine mit der Dotcom-Zeit vergleichbare Euphorie. Gleichzeitig nimmt die Nutzung künstlicher Intelligenz in europäischen Unternehmen zu.
Schutz vor einer US-Korrektur bietet das allerdings kaum. Amerikanische und europäische Aktienmärkte weisen historisch eine hohe Korrelation auf. Hinzu kommen die umfangreichen direkten und indirekten Beteiligungen europäischer Anleger an US-Technologiekonzernen.
KI-Erfolg verhindert keine Börsenkorrektur
Die zentrale Aussage der Analyse ist deshalb nicht, dass künstliche Intelligenz zwangsläufig überschätzt wird. Vielmehr zeigen frühere Technologiezyklen, dass wirtschaftlicher Erfolg und fallende Aktienkurse gleichzeitig möglich sind.
Ob die heutigen Bewertungen durch außergewöhnliche Wachstumsaussichten gerechtfertigt oder bereits von übermäßigem Optimismus geprägt sind, ist für diese Schlussfolgerung zweitrangig.
Für Europa liegt das größte Risiko weniger in einer eigenen KI-Euphorie als in der engen finanziellen Verbindung mit den USA. Eine deutliche Korrektur der großen amerikanischen Technologiewerte dürfte deshalb kaum auf die Wall Street begrenzt bleiben.






