Nach massiver Kritik wegen des Verkaufs kindlich aussehender Sexpuppen und wachsendem regulatorischen Druck will Shein in der Europäischen Union eine Altersprüfung für sensible Inhalte umsetzen. Wie die Chefjustiziarin Zhu Yinan gegenüber dem Binnenmarktausschuss des EU-Parlaments erklärte, wird derzeit ein Drittanbietersystem zur Altersverifikation länderspezifisch ausgerollt. Damit sollen „alle altersbeschränkten Produkte“ künftig hinter einer Schutzschranke verschwinden, wie das Politikmagazin POLITICO berichtet.
Reaktion auf EU-Anforderungen
Die Europäische Kommission hatte bereits im November Aufklärung über Sheins Kontrollmechanismen gefordert. Die Plattform, die laut Digital Services Act (DSA) als „Sehr große Online-Plattform“ mit über 45 Millionen Nutzern gilt, kann bei Verstößen mit Bußgeldern von bis zu sechs Prozent ihres weltweiten Jahresumsatzes belegt werden. Eine Stellungnahme der Kommission zu den aktuellen Maßnahmen von Shein steht noch aus.
Shein testet darüber hinaus ein von der EU-Kommission entwickeltes digitales Altersnachweissystem – das sogenannte „Mini Wallet“. Diese Lösung wird aktuell in sechs Mitgliedstaaten erprobt und soll eine einheitliche, datenschutzkonforme Altersverifikation im Netz ermöglichen.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Marktplätze unter Beobachtung
Zhu betonte vor dem Ausschuss, dass der Vorfall zwar „völlig inakzeptabel“ sei, jedoch nicht exklusiv Shein betreffe. Auch andere Online-Marktplätze seien in der Vergangenheit wegen ähnlicher Vorfälle ins Visier geraten. Dennoch bleibt der Druck auf Shein besonders hoch – nicht zuletzt aufgrund der enormen Reichweite der Plattform und ihrer jungen Zielgruppe.
Die Einbindung externer Altersverifikationslösungen sowie die Beteiligung an EU-Pilotprojekten deuten auf einen Strategiewechsel bei Shein hin: Weg vom reinen Reagieren – hin zu mehr proaktivem Risikomanagement. Ob dies ausreicht, um regulatorische Konsequenzen abzuwenden, bleibt abzuwarten.
Mögliche EU-Ermittlung gegen Shein
Trotz der Maßnahmen zur Altersverifikation könnte Shein schon bald mit einer offiziellen EU-Ermittlung konfrontiert werden, wie Reuters berichtet. Rita Wezenbeek, leitende Beamtin der EU-Kommission für die Durchsetzung des Digital Services Act (DSA), erklärte vor dem EU-Parlament, dass eine Untersuchung wegen des Verkaufs illegaler Produkte in Erwägung gezogen werde. Zwar sei eine rasche Reaktion gefordert worden, die endgültige Entscheidung liege jedoch bei der zuständigen EU-Kommissarin Henna Virkkunen. Ein formelles Verfahren sei denkbar, aber eine sofortige Sperre der Plattform erscheine laut Wezenbeek unwahrscheinlich.
Keine Plattformsperre trotz politischem Druck
Obwohl einige EU-Abgeordnete ein hartes Vorgehen fordern, verwies Wezenbeek auf ein Urteil eines Pariser Gerichts vom Dezember, das einen Antrag der französischen Regierung auf Sperrung von Shein ablehnte. Die Richter sahen die ergriffenen Maßnahmen des Unternehmens als ausreichend an und bemängelten das Fehlen von Beweisen für systematische Verstöße. Auch im Fall von Shein will die EU-Kommission offenbar, wie zuvor bei AliExpress und Temu, mit einer ausgewogenen, aber konsequenten Prüfung reagieren.


