Der chinesische Fast-Fashion-Konzern Shein übernimmt offenbar den US-Modehändler Everlane. Medienberichten zufolge hat der Verwaltungsrat von Everlane einer Transaktion mit Shein zugestimmt. Der Deal soll das Unternehmen nur noch mit rund 100 Millionen US-Dollar bewerten – deutlich weniger als frühere Einschätzungen während des E-Commerce-Booms.
Wie unter anderem Puck und The Information berichten, wurde die Vereinbarung am 16. Mai beschlossen. Offizielle Angaben zu den finanziellen Details oder zur künftigen Struktur von Everlane gibt es bislang nicht.
Massiver Wertverlust für einstige D2C-Vorzeigemarke
Everlane galt lange als eines der bekanntesten Beispiele für moderne Direct-to-Consumer-Modelle im Modehandel. Das 2010 gegründete Unternehmen setzte früh auf transparente Preisgestaltung, nachhaltigere Materialien und eine direkte Kundenansprache ohne klassischen Einzelhandel.
Während der Pandemie profitierte Everlane stark vom Boom im Onlinehandel. Mit steigenden Marketingkosten, wachsendem Wettbewerbsdruck und der Rückkehr vieler Konsumenten in stationäre Geschäfte geriet das Geschäftsmodell jedoch zunehmend unter Druck.
Die nun kolportierte Bewertung von rund 100 Millionen US-Dollar verdeutlicht den drastischen Stimmungswandel im E-Commerce-Sektor. Viele digitale Marken, die in Zeiten niedriger Zinsen und hoher Wachstumsfantasien hohe Bewertungen erzielten, werden heute deutlich vorsichtiger bewertet.
Berichten zufolge sollen Inhaber von Stammaktien im Rahmen der Übernahme keine Auszahlung erhalten. Details zur Verteilung möglicher Erlöse an Investoren oder Vorzugsaktionäre bleiben bislang offen.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Shein erweitert Strategie über Fast Fashion hinaus
Für Shein dürfte die Übernahme strategisch vor allem den Ausbau des eigenen Markenportfolios unterstützen. Der Konzern versucht seit einiger Zeit, sich breiter im internationalen Modehandel aufzustellen und sein Image über das klassische Fast-Fashion-Geschäft hinaus zu erweitern.
Everlane bringt dabei eine andere Markenpositionierung mit: Nachhaltigkeit, Transparenz und höherwertige Basics gehören zu den zentralen Eigenschaften der Marke. Damit könnte Shein gezielt neue Kundengruppen ansprechen und gleichzeitig sein Image im westlichen Markt stärken.
Zudem verschafft die Übernahme Zugang zu einer etablierten US-Marke in einem politisch und regulatorisch sensiblen Umfeld. Gerade angesichts zunehmender Kritik an Lieferketten, Nachhaltigkeit und Handelspraktiken dürfte dies für Shein von strategischer Bedeutung sein.
Private-Equity-Investoren unter Druck
Auch für den bisherigen Mehrheitseigentümer L Catterton markiert der Verkauf offenbar einen schwierigen Exit. Die Beteiligungsgesellschaft hatte Everlane übernommen, um das Wachstum international auszubauen und die Profitabilität zu steigern.
Der nun diskutierte Verkaufspreis deutet jedoch darauf hin, dass die ursprünglichen Renditeerwartungen nicht erreicht wurden. Der Fall Everlane gilt damit als weiteres Beispiel für die Probleme vieler D2C-Marken nach dem Ende des E-Commerce-Hypes.
Steigende Finanzierungskosten, verändertes Konsumverhalten und zunehmender Wettbewerbsdruck erschweren vielen ehemals hoch bewerteten Online-Marken die eigenständige Skalierung.
Konsolidierung im Modehandel nimmt zu
Die Übernahme passt in eine breitere Entwicklung innerhalb des globalen Mode- und E-Commerce-Marktes. Große Plattformen und Handelskonzerne suchen verstärkt nach etablierten Marken mit klarer Identität, während gleichzeitig viele digitale Direktmarken unter wirtschaftlichem Druck stehen.
Sollte die Transaktion wie berichtet abgeschlossen werden, wäre sie ein weiteres Signal für die zunehmende Konsolidierung im Online-Modehandel. Für Shein könnte der Deal den Ausbau der eigenen Plattformstrategie beschleunigen – für Everlane möglicherweise die letzte Möglichkeit, langfristig am Markt zu bestehen.


