Amazon sieht in dialogorientierter künstlicher Intelligenz den nächsten grundlegenden Wandel im Onlinehandel. Doug Herrington, CEO von Amazon Worldwide Stores, vergleicht in einem Podcast auf YouTube die Entwicklung mit dem Übergang vom gedruckten Warenkatalog zur digitalen Produktsuche. Mit Alexa for Shopping soll nun die klassische Eingabe einzelner Suchbegriffe zunehmend durch natürliche Fragen und personalisierte Antworten ergänzt werden.
Hintergrund ist die enorme Sortimentsgröße. Während historische Versandkataloge noch einige Zehntausend Artikel abbilden konnten, bietet Amazon heute Hunderte Millionen Produkte an. Nach Einschätzung Herringtons stößt damit auch die traditionelle Kombination aus Suchfeld und langen Ergebnislisten an Grenzen.
Fragen ersetzen klassische Suchbegriffe
Alexa for Shopping ist direkt mit der Produktsuche verbunden. Kunden sollen nicht mehr überlegen müssen, mit welchen Stichworten sie eine gewünschte Ware finden. Stattdessen können sie konkrete oder allgemein formulierte Fragen eingeben und innerhalb der Antwort passende Angebote erhalten.
Die Anwendung beschränkt sich dabei nicht auf die Produktauswahl. Eine Frage nach bereits bestellten Batterien kann beispielsweise Informationen zur Bestellung und zum Lieferzeitpunkt liefern. Bei komplexeren Kaufentscheidungen kann das System Produkte erklären, Unterschiede herausarbeiten und Empfehlungen auf individuelle Anforderungen abstimmen.
Amazon unaufhaltsam
Einkaufshistorie fließt in Empfehlungen ein
Für die Personalisierung kann Alexa for Shopping laut Amazon unterschiedliche Kontextinformationen berücksichtigen. Dazu zählen bisheriges Einkaufs- und Suchverhalten sowie Angaben aus der laufenden Unterhaltung. So könnten bei der Suche nach einer Kaffeemaschine etwa begrenzter Platz oder zuvor betrachtete Produkttypen in die Empfehlungen einfließen.
Damit verändert sich die Funktion der Produktsuche. Statt lediglich Treffer zu einem Begriff aufzulisten, soll die KI Bedürfnisse interpretieren und aus einem sehr großen Sortiment eine kleinere, individuell relevante Auswahl herausfiltern.
Bilder werden Teil des Einkaufsdialogs
Auch Fotos können als Ausgangspunkt dienen. Herrington beschreibt als Beispiel ein Bild seines Kühlschranks, aus dem Alexa for Shopping Vorschläge für einen Wocheneinkauf ableitete. Das System erkannte vorhandene Lebensmittel und erstellte darauf basierend eine Einkaufsliste.
Ein weiteres von Amazon genanntes Beispiel betrifft fotografierte Bücherregale. Aus rund 200 sichtbaren Büchern und zusätzlichen Interesseninformationen leitete der Assistent Empfehlungen für die nächste Lektüre ab. Visuelle Produkterkennung und persönliche Präferenzen sollen damit innerhalb eines Dialogs zusammengeführt werden.
Amazon erwartet neuen Standard im Onlinehandel
Für Herrington liegt die strategische Bedeutung vor allem in der Skalierbarkeit. Ein immer größeres Sortiment erschwert die Orientierung über klassische Trefferlisten. Ein KI-Assistent könnte dagegen selbst bei stark wachsender Produktauswahl gezielt auf persönliche Anforderungen eingehen.
Amazon erwartet zudem, dass solche Systeme künftig nicht mehr auf die Website oder App beschränkt bleiben. Einkaufsdialoge könnten in Küche, Auto oder Wohnzimmer stattfinden. Herrington hält langfristig auch Haushalte für denkbar, die regelmäßig benötigte Produkte weitgehend selbstständig nachbestellen.
Damit entwickelt Amazon die Produktsuche in Richtung eines persönlichen Einkaufsassistenten weiter. Entscheidend wäre nicht mehr allein, welche Produkte zu einem Suchbegriff passen, sondern welche Auswahl die KI aus Sortiment, Kontext und individuellen Präferenzen für einen bestimmten Kunden ableitet.



