Die deutsche Milchwirtschaft steht trotz stabiler Nachfrage und hoher Produktionsmengen unter wirtschaftlichem Druck. Auf seiner Jahrestagung am Freitag in Dresden verwies der Milchindustrie-Verband (MIV) auf gesunkene Milchpreise, steigende Betriebskosten und schwierige politische Rahmenbedingungen. Besonders bei Energie, Logistik und Verpackungen sieht die Branche erheblichen Handlungsbedarf.
MIV-Vorsitzender Detlef Latka forderte schnellere Genehmigungsverfahren, weniger Bürokratie und verlässlichere Investitionsbedingungen. Gleichzeitig warnte er vor zusätzlichen Belastungen durch mögliche neue Steuern. Der Verband sieht insbesondere bei der geplanten Zuckergetränkesteuer und einer möglichen Plastiksteuer Klärungsbedarf.
Milchpreise nach starkem Vorjahr deutlich gefallen
Nach einem produktionsstarken Jahr 2025 bleibt das Milchaufkommen in Deutschland hoch. Im vergangenen Jahr wurde die zweithöchste jemals registrierte Milchmenge erzeugt. Auch 2026 liegt die Anlieferung bislang knapp fünf Prozent über dem entsprechenden Vorjahreszeitraum, wobei sich der Abstand zuletzt verringert hat.
Die hohe Milchmenge belastete allerdings die Erzeugerpreise. Nachdem deutsche Molkereien 2025 durchschnittlich mehr als 52 Cent je Kilogramm gezahlt hatten, fielen die Preise zwischenzeitlich um rund 25 Prozent auf ein Fünfjahrestief. Regional wurden zeitweise weniger als 30 Cent erreicht.
Im August 2026 stieg der bundesweite Durchschnittspreis erstmals im laufenden Jahr wieder auf 41,14 Cent je Kilogramm. Der MIV beobachtet seitdem eine zunehmende Erholung.
Der Strukturwandel in der Milcherzeugung setzt sich unterdessen fort. Im Mai 2026 gab es noch 47.157 Milchviehbetriebe, 1.492 weniger als ein Jahr zuvor. Die Zahl der Milchkühe blieb mit rund 3,6 Millionen zunächst stabil. Regionale Trockenheit führte im Sommer allerdings zu zusätzlichen Schlachtungen.
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Käse erreicht neuen Verbrauchsrekord
Auf der Nachfrageseite entwickelt sich der Milchmarkt insgesamt positiv. Besonders Käse sowie proteinreiche Frischeprodukte, Magermilchpulver und Molkenerzeugnisse verzeichnen laut MIV eine gute Absatzentwicklung.
Der durchschnittliche Käseverbrauch erreichte 2025 mit 26,4 Kilogramm je Einwohner einen neuen Höchststand. Auch Butter wurde etwas stärker nachgefragt: Der Pro-Kopf-Verbrauch stieg von 5,5 auf 5,6 Kilogramm.
Bei Konsummilch setzte sich dagegen der rückläufige Trend fort. Der Verbrauch sank von 46,1 Kilogramm im Jahr 2024 auf 45,1 Kilogramm im vergangenen Jahr.
Für 2026 berichtet der Verband ebenfalls von steigenden Absatzmengen bei Milchprodukten. Gleichzeitig liegen die Verkaufspreise im Lebensmitteleinzelhandel seit Monaten auf vergleichsweise niedrigem Niveau.
Molkereien fordern höhere Verkaufspreise
Die Kombination aus niedrigen Produktpreisen und steigenden Betriebskosten belastet die wirtschaftliche Situation vieler Molkereien. Insbesondere Ausgaben für Energie, Transport und Verpackungen haben sich nach Angaben des Verbandes erhöht.
Als zusätzlichen Kostentreiber nennt der MIV die Auswirkungen des Irankonflikts. Trotz guter Verkaufszahlen sieht die Branche deshalb erheblichen Bedarf für Preisanpassungen.
Der Verband fordert zugleich bessere politische Rahmenbedingungen. Bürokratische Verfahren und lange Genehmigungsprozesse erschwerten Investitionen und die Weiterentwicklung der Unternehmen.
Kritisch bewertet der MIV außerdem die Diskussion über eine Zuckergetränkesteuer. Milch und Milchmischgetränke sollten nach Auffassung des Verbandes von einer solchen Abgabe ausgenommen bleiben. Auch eine mögliche Plastiksteuer könnte die Milchwirtschaft unmittelbar betreffen.
Cyberangriffe und Energieengpässe als zentrale Risiken
Neben der Marktentwicklung beschäftigte sich die Jahrestagung mit der Krisenfestigkeit der Molkereien. Ein MIV-Pulscheck zeigt, dass viele Unternehmen bereits Maßnahmen zur Absicherung ihrer Betriebsabläufe getroffen haben.
Demnach verfügen knapp 90 Prozent der antwortenden Unternehmen über ein Notfallteam. Rund 83 Prozent haben ein IT-Notfallkonzept eingerichtet. Zwei Drittel erfüllen nach eigenen Angaben die Anforderungen aus KRITIS- und NIS2-Regelungen, teilweise auch ohne gesetzliche Verpflichtung.
Auf mögliche Ausfälle wichtiger Lieferanten oder Rohstoffe sehen sich dagegen nur 44 Prozent gut oder eher gut vorbereitet. Als wesentliche Risiken nennen die Unternehmen Cyberangriffe, Energieknappheit und Tierseuchen.
Milchindustrie setzt auf politische Unterstützung
Der MIV sieht die Widerstandsfähigkeit der Unternehmen als gemeinsame Aufgabe von Wirtschaft und Politik. Neben betrieblichen Sicherheitsmaßnahmen seien verlässliche Rahmenbedingungen erforderlich, um Lieferketten und Produktionsstandorte langfristig abzusichern.
Deutschland bleibt trotz rückläufiger Betriebszahlen der wichtigste Milchproduzent Europas. Die weitere Entwicklung hängt nach Einschätzung des Verbandes jedoch davon ab, ob sich Erzeugerpreise, Produktionskosten und regulatorische Anforderungen wieder besser miteinander vereinbaren lassen.


