Augenscreening, Hautarztberatung per App und Bluttests – die Drogeriemarktkette dm bringt ab September neue Gesundheitsdienstleistungen in ihre Filialen und positioniert sich damit als Anbieter von Gesundheitsvorsorge direkt zwischen Kosmetik und Drogerieartikeln. Doch das Pilotprojekt, das derzeit in ausgewählten Märkten läuft, stößt auf scharfe Kritik – insbesondere von ärztlicher Seite.
Gesundheitschecks direkt im Drogeriemarkt
Zum Angebot gehören unter anderem Netzhautfotografien, Sehtests, eine KI-gestützte Hautanalyse sowie Blutuntersuchungen. Letztere sollen beispielsweise Hinweise auf Herz-Kreislauf- oder Diabetes-Risiken liefern. Die Preise sind niedrigschwellig: Das Augenscreening inklusive Sehtest kostet rund 15 Euro. Durchgeführt werden die Leistungen von Partnerfirmen – die telemedizinischen Diagnosen erfolgen laut dm durch Fachärzte. Nur die KI-gestützte Hautanalyse ist kostenlos.
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Fachärzte sehen Risiken und Mängel
Der Berufsverband der Augenärzte (BVA) und der Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD) üben massive Kritik. Sie bemängeln unter anderem fehlende fachliche Standards und warnen vor den Grenzen der Telemedizin – insbesondere beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz.
Besondere Sorge bereitet den Fachärzten der Umstand, dass viele Patientinnen und Patienten mit auffälligen, aber möglicherweise fehlerhaften Ergebnissen im Anschluss doch eine Praxis aufsuchen müssen. Dies könnte die Wartezeiten in ohnehin stark ausgelasteten Praxen zusätzlich verschärfen – ohne echten Nutzen für das Gesundheitssystem. Dies sei laut Verband auch ein Grundproblem bei sonstigen Hautscreening-Apps.
KI als Blackbox: Kritik an Intransparenz
Auch der Umgang mit KI steht im Fokus der Debatte. Die Netzhautfotografien werden zunächst automatisiert ausgewertet und anschließend von Augenärzten überprüft – so jedenfalls die Darstellung von dm und dem Technologiepartner Skleo Health. Doch der BVA sieht hier ein Transparenzproblem: Begriffe wie „KI geprüft“ oder „ärztlich validiert“ seien nicht ausreichend definiert und ließen offen, wie genau die Diagnosen zustande kommen. Gemeinsam mit der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft hat der Verband ein Ethikpapier erarbeitet, das klare Standards für den KI-Einsatz fordert – bislang jedoch ohne breite Anwendung.
dm verweist auf Versorgungsengpässe
dm verteidigt das Modell. Das Unternehmen betont, dass die neuen Services eine ergänzende Orientierung bieten sollen – nicht aber den Arztbesuch ersetzen. Gerade bei langen Wartezeiten könne eine erste Einschätzung helfen, Patientinnen und Patienten schneller in die richtige Versorgung zu bringen. Zudem werde bei ernsten Verdachtsfällen konsequent an ärztliche Praxen verwiesen.
Zwischen Convenience und medizinischer Verantwortung
Der Vorstoß von dm folgt einem Trend: Auch Anbieter bieten mittlerweile ähnliche Screening-Dienste an. Der Wettbewerb scheint dabei nicht nur auf technologischer, sondern auch auf preislicher Ebene stattzufinden. Für die Ärzteverbände steht fest: Gesundheit gehört in fachärztliche Hand. Sie sehen in derartigen Angeboten das Risiko einer teuren Doppelstruktur – mit unklarem Nutzen für Patientinnen und Patienten.


