Der weltweite Warenhandel bleibt trotz geopolitischer Spannungen stabil und wächst laut dem aktuellen Global Trade Report der Boston Consulting Group (BCG) bis 2034 jährlich um rund 2,5 Prozent. Doch für Europa steht weniger das globale Wachstum im Vordergrund als vielmehr ein grundlegender Strukturwandel: Die Handelspartner verschieben sich, klassische Achsen verlieren an Bedeutung, neue Beziehungen gewinnen an Gewicht.
Handelsachsen verlagern sich
Die Analyse von BCG basiert auf vier möglichen Szenarien zur Entwicklung des Welthandels – am wahrscheinlichsten ist laut den Autoren ein sogenanntes „Trade-Patchwork“, das trotz geopolitischer Herausforderungen moderates Wachstum ermöglicht. In diesem Szenario steigt das globale Handelsvolumen von rund 23 Billionen US-Dollar (ca. 21 Billionen Euro) im Jahr 2024 auf fast 30 Billionen US-Dollar (rund 27,5 Billionen Euro) bis 2034. Entscheidend für Europa ist, dass sich in diesem Prozess die Gewichte verschieben: Der Handel mit den USA und China wächst mit jeweils nur 1,5 Prozent jährlich unterdurchschnittlich, während sich andere Märkte dynamischer entwickeln.
Besonders profitieren regelbasierte, offen handelnde Volkswirtschaften wie die CPTPP-Staaten, Südkorea, das Vereinigte Königreich oder die EFTA-Staaten. Deren Handelsvolumen mit der EU wächst jährlich um rund 2,5 Prozent. Ein beträchtlicher Teil davon entfällt auf innergemeinschaftlichen EU-Handel, was auf die Bedeutung eng integrierter Handelsräume hinweist.
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Außenhandel gewinnt an Relevanz
Ein markanter Trend: Der EU-Außenhandel wächst mit rund 2,3 Prozent pro Jahr schneller als der Binnenhandel, der lediglich um 1,4 Prozent zulegt. Das Außenhandelsvolumen der EU soll von aktuell 5,3 Billionen US-Dollar (rund 4,9 Billionen Euro) auf 6,7 Billionen US-Dollar (etwa 6,2 Billionen Euro) steigen. Die stärkere Einbindung in internationale Wertschöpfungsketten wird damit zur strategischen Priorität.
Zugleich zeigen sich deutliche strukturelle Schwächen: In Schlüsselsektoren wie Maschinenbau, Biopharma oder Mobilität liegt der Anteil des Handelsvolumens mit China und den USA bei über 30 bis 40 Prozent. Diese Konzentration macht die EU anfällig für externe Schocks und politische Eingriffe. Eine breiter aufgestellte Handelsstrategie wird daher zur wirtschaftspolitischen Notwendigkeit.
Auch weltweit verändern sich die Handelsmuster. Der Handel zwischen BRICS+-Ländern (ohne China) sowie mit Teilen des Globalen Südens wächst jährlich um 3 Prozent. Besonders dynamisch ist das Handelswachstum Chinas mit anderen BRICS+-Staaten – mit 5,5 Prozent jährlich –, während der direkte Handel zwischen den USA und China stark zurückgeht.
Politik und Unternehmen stehen unter Handlungsdruck
Für Unternehmen bedeutet diese Neuordnung, ihre Handels- und Lieferketten stärker auf resiliente Partnerschaften auszurichten. Gleichzeitig stehen politische Entscheidungsträger vor der Aufgabe, Industriepolitik, wirtschaftliche Offenheit und regelbasierten Handel in Einklang zu bringen. Die EU sieht sich mit einem strategischen Wendepunkt konfrontiert, an dem Partnerschaften mit gleichgesinnten Ländern zunehmend wichtiger werden als der Fokus auf traditionelle Märkte.




