Die Frasers Group übernimmt wie erwartet Harvey Nichols aus dem Insolvenzverfahren und baut damit ihre Position im britischen Premium- und Luxushandel weiter aus. Dies teilte die Unternehmensgruppe von Mike Ashley heute mit. Zur Transaktion gehören die sechs britischen Warenhäuser, das Onlinegeschäft, Warenbestände und mehr als 1.000 Beschäftigte. Die internationalen Franchisevereinbarungen sollen ebenfalls fortgeführt werden.
Einen Kaufpreis haben die Beteiligten nicht veröffentlicht. Nach Informationen der Financial Times liegt der Transaktionswert bei rund 40 Millionen Pfund. In Dublin übernimmt Frasers, das zudem noch immer eine Übernahme von Hugo Boss anstrebt, bestimmte Vermögenswerte, während über die Zukunft des dortigen Geschäfts noch verhandelt wird. Das Londoner OXO Tower Restaurant wurde separat verkauft.
Harvey Nichols schreibt seit Jahren Verluste
Mit der Übernahme endet die seit 1991 bestehende Kontrolle durch den Hongkonger Unternehmer Sir Dickson Poon beziehungsweise dessen Umfeld. Frasers erhält eine der traditionsreichsten Marken des britischen Luxushandels, übernimmt zugleich aber einen erheblichen Sanierungsfall.
Harvey Nichols hatte bereits im Geschäftsjahr 2023/24 bei einem Umsatz von rund 204,9 Millionen Pfund einen Vorsteuerverlust von 35,3 Millionen Pfund verbucht. Im folgenden Geschäftsjahr verschlechterten sich die ausgewiesenen Zahlen nochmals deutlich. Der Nachsteuerverlust von 177,6 Millionen Pfund wurde allerdings maßgeblich durch eine Wertberichtigung konzerninterner Darlehen von rund 169 Millionen Pfund geprägt und entspricht deshalb nicht einem operativen Verlust in gleicher Höhe.
Neben der schwachen Konsumnachfrage belasteten steigende Kosten und die Folgen der Pandemie das Geschäft. Im britischen Luxussegment wirkt sich zudem die Abschaffung des steuerfreien Einkaufens für internationale Besucher aus. Gleichzeitig musste Harvey Nichols gegenüber finanzstarken Konkurrenten bestehen und Investitionen in Filialen, Digitalisierung und Logistik stemmen.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Frasers stellt Filialnetz und Kosten auf den Prüfstand
Der neue Eigentümer kündigt eine umfassende Restrukturierung und Integration in die eigene Handelsgruppe an. Frasers will unter anderem das Filialportfolio, die Organisationsstruktur, das Betriebsmodell und die Kostenbasis überprüfen. Damit steht auch die Zukunft einzelner Standorte zur Disposition.
Frasers-Chef Michael Murray hat bereits deutlich gemacht, dass die Sanierung schwierige Entscheidungen erfordern wird. Der Konzern akzeptiert demnach auch ein zunächst kleineres Harvey Nichols, wenn sich dadurch ein langfristig tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln lässt. Besonders das Londoner Stammhaus in Knightsbridge dürfte aufgrund seiner Markenwirkung eine zentrale Position einnehmen.
Harvey Nichols hatte dort bereits vor der Übernahme eine Neupositionierung begonnen. Unter CEO Julia Goddard wurden Sortiment und Warenpräsentation überarbeitet sowie zahlreiche zusätzliche Marken aufgenommen. Die begonnene Modernisierung kann Frasers nun mit eigener Technologie, Logistik, Datenanalyse und Einkaufskompetenz verbinden.
Harvey Nichols ergänzt Frasers Luxusstrategie
Strategisch passt die Akquisition zur sogenannten Elevation Strategy der Frasers Group. Der Konzern will sein Geschäft seit Jahren über die historischen Wurzeln von Sports Direct hinaus stärker im Premium- und Luxussegment positionieren. Eine wichtige Rolle spielt dabei bereits die Handelskette FLANNELS.
Harvey Nichols bringt neben seinen Standorten Beziehungen zu mehr als 800 Premium- und Luxusmarken mit. Für Frasers sind diese Kontakte ein wesentlicher Bestandteil des Kaufwerts. Im Luxusgeschäft hängt die Attraktivität eines Händlers entscheidend davon ab, Zugang zu begehrten Marken, Kollektionen und exklusiven Produkten zu erhalten.
Damit entsteht zugleich eine Herausforderung für die Restrukturierung. Einsparungen dürfen die Positionierung der Warenhäuser nicht so stark beeinträchtigen, dass Luxusmarken ihre Zusammenarbeit reduzieren. Frasers muss deshalb Kosten senken und Synergien realisieren, ohne Einkaufserlebnis und Markenimage grundlegend zu beschädigen.
Erfahrung mit Übernahmen aus Krisensituationen
Frasers hat bereits mehrfach angeschlagene Handelsunternehmen und Marken übernommen und anschließend neu strukturiert. Zum Portfolio gehören neben Sports Direct unter anderem House of Fraser, Evans Cycles und Sofa.com. Häufig werden dabei verwertbare Marken, Standorte und Kundenbeziehungen in die bestehende Infrastruktur integriert, während unrentable Bereiche reduziert werden.
Bei Harvey Nichols dürfte dieses Vorgehen komplexer ausfallen. Gleichzeitig bieten sich Synergien mit bestehenden Premiumaktivitäten an. Überschneidungen mit FLANNELS ermöglichen Frasers beispielsweise eine Neubewertung einzelner Standorte. Auch das bislang verlustreiche Onlinegeschäft könnte von der größeren Technologie- und Logistikinfrastruktur des Konzerns profitieren.
Sanierung entscheidet über Zukunft der Traditionsmarke
Der vergleichsweise niedrige berichtete Kaufpreis unterstreicht die wirtschaftlichen Schwierigkeiten von Harvey Nichols. Der bisherige Eigentümer soll das Unternehmen innerhalb von fünf Jahren mit insgesamt rund 138,5 Millionen Pfund unterstützt haben, ohne eine nachhaltige Rückkehr in die Gewinnzone zu erreichen.
Für Frasers liegt der Wert deshalb weniger in der Fortführung der bisherigen Strukturen als in den verwertbaren Bestandteilen der Plattform: dem traditionsreichen Namen, dem Knightsbridge-Flaggschiff, den Kundenbeziehungen und dem Zugang zu internationalen Luxusmarken. Die Übernahme aus der Insolvenz schafft zugleich größere Möglichkeiten für einen grundlegenden Neustart.
Für Beschäftigte, Lieferanten und Vermieter bleibt die weitere Entwicklung damit offen. Zwar verhindert die Transaktion zunächst ein mögliches vollständiges Ende von Harvey Nichols, doch Frasers hat bereits deutlich gemacht, dass die bestehenden Strukturen nicht unangetastet bleiben werden. Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt mit der Integration in den Konzern.



