Die Mehrheit der Beschäftigten im Einzel- und Großhandel ist unzufrieden mit ihrer Arbeitssituation. Das geht aus einer neuen Umfrage der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hervor, an der mehr als 11.700 Personen teilgenommen haben. Die Ergebnisse fallen deutlich aus: Schlechte Bezahlung, hohe körperliche und psychische Belastung sowie fehlende Perspektiven dominieren den Berufsalltag.
Unzufriedenheit mit Lohnniveau und Zukunftsaussichten
Rund 79 Prozent der Befragten empfinden ihren Lohn angesichts ihrer Leistung als unangemessen. Mehr als die Hälfte (52 Prozent) gibt an, dass das monatliche Einkommen gerade ausreicht, 19 Prozent kommen damit gar nicht über die Runden. Auch mit Blick auf die Rente zeigt sich ein düsteres Bild: Zwei Drittel der Beschäftigten glauben nicht, dass sie im Alter von ihrer gesetzlichen Rente leben können.
Verdi-Handelsexpertin Silke Zimmer nennt die Ergebnisse „niederschmetternd“. Die Zahlen seien ein deutlicher Beleg dafür, dass sich die Arbeitsbedingungen im Handel grundlegend ändern müssten, wenn die Branche weiterhin Personal binden und neue Kräfte gewinnen wolle.
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Hohe Belastung und digitale Überwachung
Auch die körperliche und psychische Belastung wird als hoch eingestuft. 67 Prozent fühlen sich durch ihre Arbeit stark oder sehr stark gesundheitlich beansprucht. Mehr als 60 Prozent würden ihren Job am liebsten wechseln. Fast 80 Prozent können sich nicht vorstellen, ohne Einschränkungen bis zur Rente durchzuhalten.
Ein weiteres Problemfeld ist die Digitalisierung: Zwar spielt sie laut 63 Prozent der Teilnehmenden eine große Rolle im Arbeitsalltag, doch fast die Hälfte gibt an, dass sie mehr belaste als entlaste. Verdi kritisiert, dass digitale Technologien im Handel vielfach als Kontrollinstrument eingesetzt würden, was zusätzlichen Stress verursache.
Respektloser Umgang und mangelnde Führungskultur
Erschwerend kommt der zwischenmenschliche Umgang hinzu: 46 Prozent der Befragten berichten von herablassender Behandlung. Die Kritik trifft dabei sowohl Kundschaft (51 Prozent) als auch Vorgesetzte (47 Prozent). Zimmer fordert daher eine stärkere Unterstützung der Beschäftigten durch das Management und tarifliche Regelungen für gesundheitsfördernde Führung.
Besonders im Einzelhandel seien familienfreundliche Vollzeitmodelle nötig, um langfristige Perspektiven zu schaffen. Gute Arbeit, so Zimmer, dürfe kein Luxus sein, sondern müsse als Grundrecht verstanden werden.
Die Befragung wurde zwischen Ende April und Ende Juni 2025 online durchgeführt. Beteiligt waren unter anderem Beschäftigte aus Verkauf (63 Prozent), Logistik (15 Prozent), Büro (11 Prozent) und anderen Bereichen (11 Prozent). Die Erhebung entstand in Kooperation mit der Gesellschaft für empirische Sozialforschung „uzbonn“ sowie dem Beratungsinstitut „TBS NRW“.


