Technologie wird nach Einschätzung von Roland Berger bis 2040 noch stärker darüber entscheiden, welche Regionen industrielle Führungspositionen besetzen und neue Märkte dominieren. Die Studie „The 2040 Technology Game Plan“ identifiziert 30 Technologietrends mit besonders hohem Einfluss auf Wirtschaft und Industrie.
Zusammen stehen diese Felder heute für rund 2,5 Billionen Euro Marktvolumen. Bis 2040 soll dieser Wert auf mehr als 20 Billionen Euro steigen. Der Anteil am globalen industriellen Bruttoinlandsprodukt könnte damit von rund neun auf 37 Prozent wachsen.
KI, Halbleiter und Rechenzentren dominieren die Zukunftsmärkte
Aus den 30 Trends hebt Roland Berger 14 besonders relevante Technologiefelder hervor. Gemeinsam sollen sie 2040 rund 16 Billionen Euro Marktvolumen erreichen.
Mehr als die Hälfte davon entfällt auf KI-Systeme und Software, Halbleiter sowie Rechenzentren. Besonders stark wächst nach der Prognose der Markt für AI Systems & Software Intelligence – von rund 210 Milliarden Euro 2025 auf etwa fünf Billionen Euro 2040.
Halbleiter sollen auf rund 2,6 Billionen Euro anwachsen, Rechenzentren auf etwa 2,5 Billionen Euro. Weitere große Märkte sieht Roland Berger bei Medtech, Biomaterialien, Energiespeichern und humanoider Robotik.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Europa erfindet viel, skaliert aber zu langsam
Das zentrale Problem Europas liegt laut Studie weniger in fehlender Forschung als in mangelnder Skalierungsfähigkeit. Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Industrie verfügen weiterhin über starke technologische Kompetenzen.
Schwieriger ist jedoch der Übergang von Innovation zu großen Märkten. Fragmentierte Strukturen, langsame Entscheidungsprozesse, schwächerer Zugang zu Wachstumsfinanzierung und regulatorische Hürden bremsen die Entwicklung.
Gerade bei KI, Rechenzentren und führenden Halbleitertechnologien dominieren die USA, während China schnell aufholt. Roland Berger hält es deshalb für wenig realistisch, in allen Feldern gleichzeitig globale Führungspositionen zurückzugewinnen.
Europa soll gezielt auf bestehende Stärken setzen
Statt universelle Basismodelle direkt nachzubauen, könnte Europa bei KI stärker auf vertikale Anwendungen für Industrie, Logistik oder regulierte Branchen setzen.
Auch bei Halbleitern bestehen wichtige Stärken. Europa verfügt mit ASML über eine Schlüsselposition bei EUV-Lithografie sowie über Kompetenzen bei Produktionsanlagen, IP, Leistungs- und Automotive-Chips.
Gleichzeitig bleiben die Marktanteile gering. Europas Anteil an weltweiten Halbleiterverkäufen liegt laut Studie bei weniger als drei Prozent, der Anteil an der Waferproduktion bei rund neun Prozent.
Bei Rechenzentren sieht Roland Berger Chancen vor allem bei Stromversorgung, Kühlung und Infrastrukturkomponenten. Hohe Energiepreise, lange Genehmigungen und langsamer Netzzugang bremsen jedoch den Ausbau.
Drei Strategien für Europas Technologiepolitik
Roland Berger schlägt drei unterschiedliche strategische Ansätze vor. „Europe for global“ gilt für Felder, in denen Europa bereits starke Kompetenzen besitzt und global expandieren kann. Dazu zählen Microgrids, Quantentechnologien, CCUS und Medtech.
„Europe for Europe“ betrifft Technologien, bei denen der Binnenmarkt, Sicherheitsinteressen oder öffentliche Beschaffung eine eigene Nachfragebasis schaffen. Dazu gehören autonome Verteidigungssysteme, humanoide Robotik, Ladeinfrastruktur und autonome Mobilität.
Die dritte Strategie lautet „Foreign player localized in Europe“. Sie richtet sich an Bereiche wie führende Halbleiter, KI-Plattformen und Rechenzentren, in denen kurzfristige globale Führerschaft kaum realistisch erscheint.
In diesen Feldern soll Europa ausländische Anbieter gezielt dazu bringen, Produktion, Rechenleistung und Entwicklung auf dem Kontinent anzusiedeln.
Politik und Unternehmen sollen stärker auf Skalierung setzen
Die Studie fordert einen strategischen Umbau der europäischen Industriepolitik. Statt vieler kleiner nationaler Programme seien kontinentale Technologieprogramme mit größerem Volumen nötig.
Fördermittel sollen stärker in langfristige Großprojekte, verbindliche Abnahmezusagen und schnellere Genehmigungen fließen. Zusätzlich fordert Roland Berger regulatorische Sandboxes und verlässlichere Rahmenbedingungen für Energie, Verteidigung, Carbon Capture und KI.
Auch Unternehmen müssten umdenken. Technologie- und Innovationsmanagement soll stärker im Kerngeschäft verankert werden, langfristige Wetten sollen zunehmen und Partnerschaften stärker genutzt werden.
Die zentrale Botschaft lautet damit: Europas Problem ist nicht primär mangelnde technologische Kompetenz, sondern mangelndes Tempo bei Skalierung, Kapitalisierung und Marktdurchdringung. Ob bestehende Stärken tatsächlich zu global führenden Industrien werden, entscheidet sich nach Einschätzung von Roland Berger in den kommenden Jahren.


