Nach sechs Jahren rückläufiger Zahlen ist die private Überschuldung in Deutschland 2025 erstmals wieder deutlich angestiegen. Laut dem aktuellen SchuldnerAtlas von Creditreform gelten 5,67 Millionen volljährige Bürger als überschuldet – ein Plus von 111.000 Fällen im Vergleich zum Vorjahr. Die Überschuldungsquote steigt entsprechend auf 8,16 Prozent. Damit ist eine markante Trendumkehr erreicht, wie sie zuletzt im Jahr 2016 beobachtet wurde.
Finanzielle Puffer aufgebraucht
„Die Trendwende ist da – und sie kommt mit Ansage“, erklärt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform. Viele Haushalte hätten in den vergangenen Krisenjahren mit großer Disziplin gespart, nun aber seien Rücklagen und Reserven weitgehend erschöpft. Die Folgen der Pandemie, hoher Energiepreise und Inflation zeigen sich immer deutlicher in der finanziellen Belastbarkeit der Bürger.
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Neue Risikogruppen: Überschuldung in der Mitte der Gesellschaft
Der aktuelle Anstieg betrifft nicht mehr nur klassische Risikogruppen. Zunehmend geraten Menschen mit mittlerem oder sogar überdurchschnittlichem Einkommen in finanzielle Schieflage – insbesondere jene, die nach Jahren des Verzichts versuchen, ihren Lebensstandard durch Nachhol- oder Ersatzkonsum zu halten. Creditreform bezeichnet diese Gruppe als „Lifestyle-Überschuldete“ und „Überschuldungspragmatiker“. Laut Hantzsch sei Überschuldung damit kein Randphänomen mehr, sondern erreiche zunehmend die gesellschaftliche Mitte.
Harte und weiche Überschuldung steigen parallel
Ein besonders alarmierendes Signal sei der gleichzeitige Anstieg harter und weicher Überschuldungsformen. Während juristisch relevante Fälle – etwa Vollstreckungen und Haftbefehle – um rund 39.000 zunehmen, steigen auch die weichen Fälle, etwa Zahlungsstörungen ohne rechtliche Konsequenzen, um 72.000. Bernd Bütow, Geschäftsführer von Creditreform, spricht von einem „strukturellen Warnsignal“, das auf eine tiefgreifende Verschlechterung der privaten Haushaltsfinanzen hinweise.
Junge und ältere Menschen unter Druck
Besonders betroffen sind Menschen unter 30 und über 60 Jahren. Während Jüngere sich durch Konsum und Onlinekäufe verschulden, geraten Ältere zunehmend durch steigende Lebenshaltungskosten und geringe Renteneinkommen unter Druck. Beide Gruppen haben wenig Spielraum für unerwartete Ausgaben.
Regionale Entwicklung: flächendeckend negativ
Die negative Entwicklung ist deutschlandweit sichtbar. In 69 Prozent aller Kreise und kreisfreien Städte steigen die Überschuldungsquoten – doppelt so viele wie im Vorjahr. Besonders betroffen sind wirtschaftlich schwächere Regionen in Nordrhein-Westfalen, aber auch in Bayern und Sachsen nimmt die Zahl der Fälle zu.
Resilienz erschöpft – Ausblick negativ
Die wirtschaftliche Widerstandskraft vieler Haushalte ist laut Creditreform erschöpft. „Resilienz ist keine unerschöpfliche Ressource“, warnt Bütow. Die Belastungen der letzten Jahre seien nicht mehr abzufedern, und die Prognose für 2026 fällt entsprechend düster aus: Angesichts hoher Lebenshaltungskosten, steigender Zinsen und eines schwächeren Arbeitsmarkts dürfte sich die Situation weiter verschärfen.


