Die Tarifrunde 2026 im Einzel- und Versandhandel startet nun mit klaren Forderungen: In Saarland und Rheinland-Pfalz hat die Gewerkschaft Verdi eine monatliche Lohn- und Gehaltssteigerung von 225 Euro beschlossen. Die Gewerkschaft argumentiert, viele Beschäftigte hätten trotz Voll- oder Teilzeit kaum finanziellen Spielraum. Steigende Lebenshaltungs-, Energie- und Mietkosten hätten die Realeinkommen ausgehöhlt. Ein Festbetrag soll vor allem die unteren Lohngruppen überproportional entlasten.
Der HDE konterte bereits im Vorfeld: Viele Händler kämpften mit stagnierenden Umsätzen, hohen Kosten und einem intensiven Wettbewerbsdruck – steigende Löhne könnten Betriebe überfordern und Arbeitsplätze gefährden. Hauptgeschäftsführer Stefan Genth spricht von „keinem Spielraum“ für kräftige Lohnzuwächse.
Strukturelle Probleme: Niedrige Margen, hoher Kostendruck
Der stationäre Handel steht seit Jahren unter Druck: verändertes Konsumverhalten, steigende Energie- und Mietkosten, Konkurrenz globaler Plattformen sowie notwendige Investitionen in Digitalisierung belasten vor allem kleine und mittelständische Händler. In diesem Umfeld wirken Lohnsteigerungen besonders stark, da die Branche traditionell geringe Margen erwirtschaftet.
Nur noch rund 23 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel arbeiten bei tarifgebundenen Unternehmen – ein historischer Tiefstand. Damit verlieren Tarifabschlüsse an Reichweite und verstärken den Wettbewerbsdruck zwischen tarifgebundenen und nicht tarifgebundenen Betrieben. Arbeitgeber befürchten, dass höhere Löhne tarifgebundene Händler zusätzlich schwächen.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Teilzeitquote als politischer Streitpunkt
Fast 40 Prozent der Beschäftigten arbeiten in Teilzeit, viele davon in Minijobs. Für Unternehmen bietet das Flexibilität, für viele Beschäftigte bedeutet es geringe Einkommen und eingeschränkte soziale Sicherung. Ein Festbetrag wie 225 Euro könnte – je nach Ausgestaltung – Teilzeitkräfte unterschiedlich stark entlasten oder Personalkosten pro Stunde deutlich steigern.
Wirtschaftliche Perspektive: Impuls oder Belastung?
Verdi verweist auf die volkswirtschaftliche Seite: Höhere Löhne könnten Konsum und Nachfrage ankurbeln – gerade im Handel selbst. Doch ob dieser Effekt kurzfristig greift, ist unsicher: Die Konsumstimmung bleibt gedämpft, Preissteigerungen sind schwer durchsetzbar, und internationale Wettbewerber agieren oft mit extrem niedrigen Margen.
Die ersten Forderungen aus zwei Tarifbezirken könnten bundesweit Maßstäbe setzen. Die Lohnrunde wird voraussichtlich eine der schwierigsten der vergangenen Jahre. Für Verdi geht es um Kaufkraft, soziale Sicherheit und die Attraktivität der Branche – für den Handel um Kostenkontrolle und Wettbewerbsfähigkeit. Die Ausgangspositionen lassen intensive und kontroverse Verhandlungen erwarten.


