Der diesjährige Tarifstreit im Einzelhandel erreicht eine neue Eskalationsstufe. Nachdem ver.di in den Tarifgebieten Rheinland-Pfalz und Saarland deutliche Entgeltsteigerungen gefordert hat, warnt der Handelsverband Deutschland (HDE) vor gravierenden wirtschaftlichen Folgen. Die Branche, ohnehin gebeutelt durch Kostensteigerungen, Umsatzschwäche und strukturellen Wandel, sieht sich laut Arbeitgebern an der Belastungsgrenze.
Ver.di fordert kräftige Erhöhungen – Arbeitgeber sprechen von „unverhältnismäßig“
Die Gewerkschaft verlangt für die Beschäftigten eine monatliche Lohnerhöhung von 225 Euro bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Laut HDE entspräche dies einem Plus von rund sieben Prozent in den Verkäufer-Eckgehältern der betroffenen Regionen, in manchen unteren Entgeltgruppen sogar bis zu zehn Prozent. Für Auszubildende sollen die Vergütungen um 150 Euro steigen – ein Anstieg von über 13 Prozent im ersten Ausbildungsjahr.
Ver.di begründet die Forderungen mit hohen Lebenshaltungskosten, gestiegener Arbeitsbelastung und der Notwendigkeit, kaufkraftstärkende Impulse zu setzen. Die Arbeitgeber sehen hingegen die wirtschaftliche Realität vieler Handelsunternehmen nicht ausreichend berücksichtigt.
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HDE warnt vor Milliardenbelastungen
Der HDE verweist auf eine seit Jahren angespannte Ertragslage, die sich bereits vor der jüngsten geopolitischen Verunsicherung verschlechtert habe. Die Liste der Belastungen ist lang: steigende Energiepreise, höhere Waren- und Logistikkosten, wachsender Personalaufwand, steigende Sozialabgaben sowie enormer bürokratischer Aufwand.
Besonders groß sei die Herausforderung durch den gesetzlichen Mindestlohn, der zum 1. Januar 2027 auf 14,60 Euro steigen soll – seit 2015 ein Plus von rund 72 Prozent. Für viele personalintensive Handelsformate bedeute dies eine strukturelle Kostenexplosion.
HDE-Tarifgeschäftsführer Steven Haarke spricht von „kaum noch vorhandenem Verteilungsspielraum“. Würden die ver.di-Forderungen bundesweit übernommen, könnten zusätzliche Kosten von rund 3,3 Milliarden Euro entstehen.
Rückblick auf den letzten Tarifabschluss
Die Arbeitgeber erinnern daran, dass die letzte Tarifrunde bereits deutliche Verbesserungen gebracht habe. Zwischen 2023 und 2025 stiegen die Löhne im Einzelhandel um insgesamt 14 Prozent – nach Darstellung des HDE ein klarer Reallohngewinn. Aus Sicht der Gewerkschaft reicht dies jedoch nicht aus, da viele Beschäftigte trotz nominaler Zuwächse unter der anhaltenden Teuerung litten, besonders im unteren Einkommenssegment.
Beschäftigungsabbau: Nur Kostenfrage – oder Strukturwandel?
Ein zentrales Argument der Arbeitgeber ist der Arbeitsplatzverlust: Seit 2022 gingen laut Bundesagentur für Arbeit rund 60.000 sozialversicherungspflichtige Stellen im Einzelhandel verloren. Die Branche befindet sich mitten in einem tiefgreifenden Wandel – Onlinehandel, Automatisierung, neue Omnichannel-Strukturen und die Rentabilitätsprobleme stationärer Flächen prägen die Entwicklung.
Für Handelsunternehmen wirken hohe Tarifsteigerungen in dieser Gemengelage wie ein zusätzlicher Druckfaktor. Gleichzeitig ist der Arbeitskräftemangel weiterhin groß, und attraktivere Löhne gelten als wichtiges Mittel, um Personal zu gewinnen und zu halten. Damit wird der Zielkonflikt zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitgeberattraktivität besonders deutlich.
Regionale Verhandlungen mit bundesweiter Wirkung
Auch wenn sich die aktuelle Tarifrunde auf Rheinland-Pfalz und Saarland bezieht, haben Abschlüsse im Einzelhandel traditionell bundesweite Signalwirkung. Ein hoher Abschluss könnte bundesweit zum Referenzpunkt werden. Für den HDE geht es deshalb um mehr als eine regionale Einigung: Der Verband fordert Verantwortungsbewusstsein und betont die Sicherung von Arbeitsplätzen und Zukunftsfähigkeit der Branche als oberstes Ziel.
Ob die kommenden Gespräche eine Annäherung bringen oder ob Streiks und weitere Eskalationen folgen, bleibt offen. Fest steht: Der Tarifkonflikt wird zum Prüfstein für eine Branche im Umbruch.


