Kurz vor dem Beginn der neuen Tarifverhandlungen im Handel verschärft die Gewerkschaft Verdi ihren Kurs und fordert kräftige Einkommenssteigerungen, die deutlich oberhalb der Inflation liegen sollen. Viele Beschäftigte könnten von ihren Löhnen kaum leben, sagte Bundesvorstandsmitglied Silke Zimmer. Ein existenzsicherndes Einkommen sei in der Branche längst nicht mehr selbstverständlich, der durchschnittliche Verdienst liege spürbar unter dem Niveau der Gesamtwirtschaft.
Start der Tarifrunde im April
In Kassel stimmten Vertreterinnen und Vertreter der regionalen Tarifkommissionen die strategische Linie für die Verhandlungen im Groß-, Außen-, Einzel- und Versandhandel ab. Die Gespräche beginnen ab dem 24. April in den ersten Bundesländern, darunter Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Konkrete Zahlen will Verdi erst im März veröffentlichen, nach Abschluss der Beschäftigtenbefragung. Orientierung bieten laut Zimmer die Abschlüsse anderer Branchen.
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Arbeitgeber warnen vor unrealistischen Erwartungen
Der Handelsverband Deutschland (HDE) dämpft die Erwartungen bereits im Vorfeld. Angesichts der wirtschaftlichen Lage gebe es diesmal „keinen Spielraum“, sagte Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Steigende Kosten bei stagnierenden Umsätzen erhöhten den Druck auf die Betriebe, ein zu hohes Lohnplus könnte Beschäftigung gefährden. Genth spricht in einem LZ-Interview von „unrealistischen Lohn- und Gehaltsforderungen“ und warnt ausdrücklich vor weiterem Stellenabbau.
Verdi widerspricht: Die Branche sei wirtschaftlich stabil, viele Händler erzielten Gewinne. Dennoch hätten Beschäftigte nach Abzug von Miete, Energie und Lebenshaltungskosten kaum noch verfügbares Einkommen. Immer mehr seien von späterer Altersarmut bedroht.
Löhne als Faktor für Konsum und soziale Sicherheit
Zimmer betont, dass Löhne nicht ausschließlich Kostenfaktor seien. Höhere Einkommen stärkten Kaufkraft und Konsumklima – ein Vorteil gerade für den Handel. Zugleich kritisiert Verdi den massiven Rückgang der Tarifbindung. 2024 arbeiteten nur noch 23 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel bei einem tarifgebundenen Arbeitgeber, während der Schnitt der Gesamtwirtschaft bei 49 Prozent lag.
Ein weiteres Problem: Der hohe Anteil unfreiwilliger Teilzeit. Fast 40 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel arbeiten in Teilzeit, viele davon in Minijobs. Nach Angaben der Gewerkschaft geben Handelsbeschäftigte im Schnitt 70 Prozent ihres Einkommens für Grundbedürfnisse aus. Für Rücklagen oder Altersvorsorge bleibe kaum Spielraum.
Rückblick: 14 Prozent Plus in der letzten Tarifrunde
Die vorherige Tarifrunde dauerte über ein Jahr und brachte den Beschäftigten im Einzelhandel für den Zeitraum 2023 bis 2025 ein Einkommensplus von rund 14 Prozent. Verdi sieht darin eine wichtige Korrektur, jedoch nicht ausreichend, um die Belastungen durch Inflation und steigende Lebenshaltungskosten dauerhaft auszugleichen.
Auftakt zu einer konfliktgeladenen Tarifrunde
Die diesjährige Tarifrunde findet in politisch und wirtschaftlich angespannten Zeiten statt. Diskussionen über Arbeitszeit, soziale Einschnitte und die Rolle von Teilzeitbeschäftigten verschärfen den Ton. Verdi macht deutlich, dass sie entschlossen in die Verhandlungen geht und die Beschäftigten kampfbereit sind. Der HDE fordert hingegen Augenmaß und verweist auf die angespannte Lage vieler Händler.


