Die Europäische Kommission verschärft die Kontrolle des chinesischen Online-Marktplatzes Temu. Nach einer Geldbuße von 200 Millionen Euro wegen Verstößen gegen den Digital Services Act (DSA) hat die Behörde nun einen Maßnahmenplan des Unternehmens akzeptiert. Dieser soll insbesondere die Risiken durch rechtswidrige und potenziell gefährliche Warenangebote verringern.
Temu muss künftig genauer untersuchen, wie problematische Produkte auf seiner Plattform verbreitet werden und welchen Einfluss algorithmische Empfehlungen darauf haben. Bis zum 30. November 2026 soll das Unternehmen eine Zwischenbewertung vorlegen, die den Fortschritt bei der Umsetzung dokumentiert.
EU verlangt wirksamere Risikokontrollen
Ausgangspunkt des Maßnahmenplans ist eine Entscheidung der Kommission vom 28. Mai 2026. Die Behörde verhängte damals eine Geldbuße von 200 Millionen Euro, weil Temu seine Verpflichtungen zur Untersuchung systemischer Risiken nicht ausreichend erfüllt hatte.
Nach Einschätzung der EU-Aufsicht unterschätzte der Marktplatz die Wahrscheinlichkeit, dass europäische Verbraucher auf nicht rechtskonforme Produkte stoßen. Die bisherigen Bewertungen berücksichtigten die Besonderheiten des eigenen Geschäftsmodells nicht ausreichend.
Mit dem akzeptierten Maßnahmenplan soll Temu diese Defizite beheben. Dabei geht es nicht nur um die Entfernung einzelner Angebote, sondern um eine dauerhaft wirksame Kontrolle der gesamten Plattform.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Fünf Maßnahmen gegen illegale Produkte
Der Maßnahmenplan umfasst fünf zentrale Bereiche. Zunächst muss Temu seine Risikoanalysen stärker auf die tatsächlichen Abläufe und Funktionen des eigenen Marktplatzes ausrichten.
Darüber hinaus verlangt die Kommission geeignete Kennzahlen, mit denen sich die Wirksamkeit eingeführter Schutzmaßnahmen überprüfen lässt. Das Unternehmen soll außerdem untersuchen, ob seine bisherigen Verfahren zur Prüfung und Entfernung problematischer Angebote ausreichend funktionieren.
Ein weiterer Schwerpunkt betrifft algorithmische Produktempfehlungen. Temu muss bewerten, ob diese Systeme die Sichtbarkeit illegaler Waren erhöhen können.
Schließlich soll der Marktplatz mögliche Manipulationsversuche durch Händler genauer analysieren. Dazu zählen Praktiken, mit denen Anbieter bestehende Kontrollen umgehen oder die Verbreitung problematischer Produkte gezielt fördern könnten.
Sicherheitsmängel bei Spielzeug und Ladegeräten
Die vorangegangenen Untersuchungen der EU-Kommission hatten erhebliche Probleme bei ausgewählten Produktgruppen aufgezeigt. Bei Testkäufen durch eine unabhängige Prüforganisation fielen insbesondere elektrische Ladegeräte und Babyspielzeuge durch Sicherheitsmängel auf.
Ein großer Teil der untersuchten Ladegeräte bestand grundlegende Prüfungen nicht. Bei zahlreichen getesteten Babyspielzeugen wurden Risiken festgestellt, darunter problematische chemische Inhaltsstoffe und verschluckbare Kleinteile.
Die Ergebnisse stützten die Einschätzung der Kommission, dass Temu die Gefahren für Verbraucher unzureichend bewertet hatte. Allerdings bezogen sich die Untersuchungen auf ausgewählte Produkte und erlauben keine Aussage über den Anteil rechtswidriger Angebote am gesamten Sortiment.
Empfehlungsalgorithmen geraten in den Fokus
Besondere Aufmerksamkeit richtet die EU auf die technischen Systeme zur Produktvermarktung. Suchergebnisse, personalisierte Empfehlungen und Verkaufsaktionen beeinflussen wesentlich, welche Artikel Verbraucher auf einem Online-Marktplatz wahrnehmen.
Werden problematische Angebote durch solche Mechanismen besonders häufig angezeigt, kann sich ihre Reichweite erhöhen. Deshalb soll Temu prüfen, ob die eigenen Empfehlungssysteme unbeabsichtigt zur Verbreitung nicht rechtskonformer Waren beitragen.
Auch mögliche Risiken durch Werbeprogramme mit Influencern waren nach den bisherigen Untersuchungsergebnissen nicht ausreichend berücksichtigt worden. Die Anforderungen des DSA betreffen damit neben der Produktauswahl zunehmend auch die technische Steuerung digitaler Verkaufsplattformen.
Temu muss bis zum 30. November Fortschritte nachweisen
Bis zum 30. November 2026 muss Temu eine sechsmonatige Zwischenrisikobewertung durchführen. Darin soll das Unternehmen darlegen, welche Maßnahmen umgesetzt wurden und inwieweit diese die festgestellten Risiken reduzieren können.
Die Annahme des Maßnahmenplans bedeutet nicht, dass sämtliche Verstöße bereits behoben sind. Vielmehr bildet sie den Rahmen für weitere Verbesserungen und deren Überprüfung durch die Europäische Kommission.
Sollte Temu seinen Verpflichtungen nicht ausreichend nachkommen, können zusätzliche regulatorische Maßnahmen folgen. Dazu gehören unter den gesetzlichen Voraussetzungen auch Zwangsgelder, die von der bereits verhängten Geldbuße zu unterscheiden sind.
DSA erhöht Anforderungen an große Online-Marktplätze
Temu wurde im Mai 2024 als sehr große Online-Plattform im Sinne des Digital Services Act eingestuft. Im Oktober desselben Jahres eröffnete die Kommission ein förmliches Verfahren, dem im Juli 2025 vorläufige Untersuchungsergebnisse folgten.
Für entsprechend eingestufte Plattformen gelten besondere Verpflichtungen zur Erkennung und Begrenzung systemischer Risiken. Diese ergänzen bestehende europäische Vorschriften zur Produktsicherheit und betreffen insbesondere die Organisation und Funktionsweise digitaler Vermittlungsdienste.
Für internationale Online-Marktplätze können daraus zusätzliche Kosten durch Produktkontrollen, Händlerprüfungen und technische Anpassungen entstehen. Gleichzeitig könnten konsequentere Kontrollen dazu beitragen, Wettbewerbsnachteile regelkonform handelnder Anbieter zu verringern.
Entscheidung hat Bedeutung für den europäischen Onlinehandel
Der Fall Temu zeigt, dass die EU ihre Plattformregulierung zunehmend auf die strukturellen Ursachen von Rechtsverstößen ausrichtet. Unternehmen müssen nicht nur problematische Angebote entfernen, sondern auch nachweisen, dass ihre Kontrollsysteme Risiken wirksam erkennen und begrenzen.
Besonders relevant ist dabei die Einbeziehung algorithmischer Empfehlungssysteme. Sie verbindet die Anforderungen an Produktsicherheit mit der Verantwortung für die technische Gestaltung digitaler Marktplätze.
Die anstehende Zwischenbewertung wird zeigen, welche Fortschritte Temu bei der Umsetzung erzielt. Für den europäischen E-Commerce unterstreicht das Verfahren die wachsende Bedeutung dokumentierter Risikokontrollen und regulatorischer Compliance.


