Alibaba-Verwaltungsratschef Joe Tsai sieht in offenen KI-Modellen eine wichtige Möglichkeit für europäische Unternehmen, ihre technologische Unabhängigkeit auszubauen. Bei der Veranstaltung Wave by Vento im italienischen Turin erklärte Tsai, dass Europa insbesondere durch eigene Datenbestände und den Einsatz frei verfügbarer KI-Modelle Wettbewerbsvorteile entwickeln könne.
Voraussetzung seien ausreichende Rechenkapazitäten und eine leistungsfähige Infrastruktur. Tsai verwies dabei auf neue europäische Cloud-Anbieter, die spezialisierte Rechenleistung für künstliche Intelligenz bereitstellen.
Open Source soll Abhängigkeiten reduzieren
Nach Einschätzung des Alibaba-Chefs ermöglichen offene KI-Modelle Unternehmen mehr Kontrolle über ihre Anwendungen und Kosten. Werden entsprechende Modelle auf eigener Infrastruktur betrieben, lassen sie sich mit unternehmensinternen Daten anpassen, ohne dauerhaft auf kostenpflichtige Schnittstellen geschlossener Systeme angewiesen zu sein.
Besonders für Europas Industrie sieht Tsai darin Potenzial. Produktionsunternehmen verfügen über umfangreiche proprietäre Daten, die sie für KI-Anwendungen nutzen können, ohne sensible Informationen an externe Modellanbieter weiterzugeben.
Ein Mangel an qualifizierten Fachkräften sei dabei nicht das entscheidende Hindernis. Tsai verwies darauf, dass bei einigen führenden amerikanischen KI-Laboren zwischen 20 und 30 Prozent der Beschäftigten aus Europa stammen. Entscheidend sei vielmehr, eine ausreichende Nachfrage nach KI-Anwendungen zu entwickeln.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Alibaba setzt auf durchgängige KI-Infrastruktur
Tsai erläuterte außerdem die strategische Neuausrichtung von Alibaba. Seit 2023 konzentriere sich der Konzern verstärkt auf sein E-Commerce-Geschäft und den Aufbau einer umfassenden KI-Wertschöpfungskette.
Diese umfasst eigene Halbleiter, Cloud-Rechenzentren, KI-Modelle und Anwendungen. Alibaba will damit sämtliche wesentlichen Ebenen der Technologie selbst abdecken und die entwickelten Lösungen innerhalb seines bestehenden Geschäfts einsetzen.
Nach Angaben von Tsai nutzt das Unternehmen seinen jährlichen freien Cashflow von rund 25 Milliarden US-Dollar, um Investitionen in künstliche Intelligenz voranzutreiben.
E-Commerce als Vertriebskanal für KI-Anwendungen
Einen wesentlichen Vorteil sieht Alibaba in seiner bestehenden Kundenbasis. Das Handelsökosystem des Konzerns erreicht nach Unternehmensangaben rund 820 Millionen Verbraucher in China.
Über diese Plattformen lassen sich KI-Funktionen unmittelbar in Einkaufsprozesse und digitale Dienstleistungen integrieren. Hinzu kommt die Kommunikations- und Kollaborationsplattform DingTalk, über die Alibaba Anwendungen für Geschäftskunden bereitstellt.
Die Kombination aus technischer Infrastruktur, eigenen Modellen und etablierten Vertriebskanälen soll dem Konzern ermöglichen, an unterschiedlichen Bereichen des KI-Marktes zu partizipieren.
KI soll zum selbstverständlichen Bestandteil der Wirtschaft werden
Tsai betrachtet künstliche Intelligenz langfristig als grundlegende Technologie, deren Nutzung ähnlich selbstverständlich werden könnte wie heute das Internet.
Innerhalb der kommenden fünf Jahre erwartet er eine weitreichende Integration von KI in betriebliche Abläufe. Die Technologie werde dann zunehmend als fester Bestandteil bestehender Geschäftsprozesse wahrgenommen.
Für Europa sieht der Alibaba-Chef die entscheidende Aufgabe darin, offene Modelle, eigene Unternehmensdaten und regionale Recheninfrastruktur wirtschaftlich miteinander zu verbinden.






