Die Modernisierung der deutschen Infrastruktur könnte erhebliche zusätzliche Investitionen von Unternehmen auslösen. 44 Prozent der Unternehmen rechnen damit, ihre Investitionen in Deutschland zu erhöhen, wenn die Erneuerung der Infrastruktur erfolgreich vorankommt. Für 76 Prozent beeinflusst deren Qualität bereits heute das eigene Investitionsverhalten stark.
Das zeigt die Studie „Vom Wachstumshemmnis zum Wachstumstreiber“ des Handelsblatt Research Institute mit PwC Deutschland und Strategy&. Grundlage ist eine Befragung von 304 Entscheiderinnen und Entscheidern aus Unternehmen mit mindestens 100 Beschäftigten im Mai 2026. Mehr als 80 Prozent der Unternehmen sind demnach auf eine leistungsfähige Infrastruktur angewiesen.
Unternehmen erwarten höhere Produktivität
Neben zusätzlichen Investitionen verspricht eine bessere Infrastruktur aus Sicht der Unternehmen auch Produktivitätsgewinne. 36 Prozent der Befragten rechnen bei verbesserten Standortbedingungen mit einer höheren Produktivität. Von dieser Gruppe erwarten 48 Prozent Zuwächse von mindestens sechs Prozent.
Die Studie sieht damit einen direkten Zusammenhang zwischen der Qualität von Verkehrswegen, Energieversorgung und digitaler Infrastruktur einerseits sowie privaten Investitionsentscheidungen andererseits. Entscheidend sei, öffentliche und private Investitionen zeitlich und planerisch besser miteinander zu verbinden.
Der Finanzbedarf bleibt dabei erheblich. Für Bundesfernstraßen werden in den kommenden zehn Jahren rund 60 Milliarden Euro veranschlagt, für die Schiene bis zu 270 Milliarden Euro und für digitale Infrastruktur mehr als 70 Milliarden Euro. Beim Umbau der Energieversorgung kommen über einen Zeitraum von 20 Jahren weitere 490 bis 650 Milliarden Euro hinzu.
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Investitionen können kurzfristig Konjunktur stärken
Dem Finanzbedarf steht unter anderem das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaschutz mit 500 Milliarden Euro über zwölf Jahre gegenüber. Da diese Mittel auf mehr Bereiche verteilt werden als die in der Studie untersuchten Infrastruktursegmente, reichen sie nach Einschätzung der Autoren allein nicht aus, um den bestehenden Modernisierungsbedarf abzudecken.
Neben der Höhe der Investitionen kommt es deshalb auf deren Verwendung an. In der aktuellen konjunkturellen Unterauslastung kann ein zielgerichtet investierter Euro laut Studie das Bruttoinlandsprodukt um bis zu 1,20 Euro erhöhen. Voraussetzung sind baureife und volkswirtschaftlich sinnvolle Projekte, deren Finanzierung schnell in den Wirtschaftskreislauf gelangt.
Der kurzfristige Effekt ist allerdings zeitlich begrenzt. Nach drei bis maximal fünf Jahren verliert der Konjunkturimpuls laut Analyse an Kraft. Werden gleichzeitig zu viele Projekte gestartet und treffen auf begrenzte Kapazitäten in Planung und Bauwirtschaft, könnten zudem vor allem die Baupreise steigen, ohne dass die tatsächliche Bauleistung entsprechend zunimmt.
Infrastrukturprojekte sollen besser koordiniert werden
Die Studienautoren plädieren deshalb für eine stärkere zeitliche und räumliche Koordination der Vorhaben. Ein nationaler Infrastruktur-Taktfahrplan soll verhindern, dass sich Projekte gegenseitig Kapazitäten entziehen und dadurch Kosten sowie Realisierungszeiten steigen.
Eine weitere Herausforderung ist die bislang häufig getrennte Planung von Verkehr, Energie und digitaler Infrastruktur. Neue Rechenzentren benötigen beispielsweise gleichzeitig leistungsfähige Glasfaseranschlüsse und ausreichende Stromkapazitäten. Industriegebiete sind ebenfalls auf mehrere funktionierende Netze angewiesen.
Eine integrierte Planung könnte deshalb dazu beitragen, dass unterschiedliche Infrastrukturen am selben Standort rechtzeitig verfügbar sind. Dadurch sollen öffentliche Investitionen zugleich bessere Voraussetzungen für nachfolgende private Investitionen schaffen.
Schnellere Verfahren werden zum entscheidenden Faktor
Für eine erfolgreiche Modernisierung reicht die Bereitstellung zusätzlicher Finanzmittel nach Einschätzung der Studie nicht aus. Erforderlich seien auch ausreichend baureife Projekte, klare Prioritäten, leistungsfähige Behörden sowie genügend Planungs- und Baukapazitäten.
Als wichtige Maßnahmen nennt die Untersuchung eine ressortübergreifende Infrastrukturstrategie, eine bessere Datenbasis und stärker digitalisierte Planungs- und Genehmigungsverfahren. Hinzu kommen modernisierte Vergabeprozesse, personell gestärkte Verwaltungen und professionelleres Projektmanagement.
Staat, Unternehmen und Finanzwirtschaft müssten dabei enger zusammenarbeiten. Während die öffentliche Hand verlässliche Rahmenbedingungen schaffen und Verfahren beschleunigen soll, übernehmen Unternehmen Planung und Realisierung. Finanzakteure sollen zusätzliches privates Kapital mobilisieren.
Modernisierung soll langfristiges Wachstum ermöglichen
Die Autoren sehen in der Infrastrukturpolitik nicht nur ein Instrument zur kurzfristigen Konjunkturstützung. Eine leistungsfähigere Verkehrs-, Energie- und Digitalinfrastruktur soll langfristig die industrielle Wettbewerbsfähigkeit verbessern und neue Wertschöpfung ermöglichen.
Besondere Bedeutung messen sie der Digitalisierung, KI-fähiger Infrastruktur sowie leistungsfähigen Netz- und Rechenzentrumsstrukturen bei. Bei erfolgreicher Umsetzung hält die Studie ein Potenzialwachstum der deutschen Wirtschaft von deutlich mehr als einem Prozent für erreichbar.
Die Untersuchung ist der zweite Teil der Studienreihe „Standort Zukunft“. Weitere Analysen sollen sich in den kommenden eineinhalb Jahren unter anderem mit der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, dem industriellen Einsatz künstlicher Intelligenz, Dekarbonisierung, Unternehmertum und den für den wirtschaftlichen Wandel benötigten Fähigkeiten befassen.




