Der Rückzug der Schweizer Genossenschaft Migros aus Deutschland markiert eine Zäsur im hiesigen Lebensmitteleinzelhandel. Nachdem die Genossenschaft Migros Zürich (GMZ) im März den Verkauf wesentlicher Teile von Tegut an Edeka vereinbart hat und im April auch die REWE Group die Übernahme von bis zu 40 weiteren Märkten ankündigte, positioniert sich nun ein dritter Akteur: Die Smart-Store-Kette Tante Enso verhandelt über die Übernahme von bis zu 36 Tegut-Supermärkten in Thüringen, Hessen und Bayern.
Die Transaktion könnte einen entscheidenden Wachstumsschritt markieren, steht jedoch noch unter kartellrechtlichem Vorbehalt.
Sprunghafter Ausbau des Filialnetzes
Mit der geplanten Übernahme würde Tante Enso sein bisheriges Filialnetz deutlich erweitern. Bislang konzentriert sich das Unternehmen vor allem auf Standorte in Nord- und Ostdeutschland. Die Integration zahlreicher Märkte in Süd- und Mitteldeutschland würde nicht nur die geografische Reichweite erhöhen, sondern auch die Marktposition stärken. „Diese 36 Standorte passen aufgrund ihrer Größe der Gemeinden und infrastrukturellen
Lage perfekt zu Tante Enso.“, so das Unternehmen in der Pressemitteilung.
Das Konzept von Tante Enso kombiniert digitale Smart Stores mit klassischen Nahversorgerfunktionen. Viele Standorte sind rund um die Uhr zugänglich und setzen auf Selbstbedienung, ergänzt durch punktuelle personelle Betreuung.
Gewinnen in der Plattform-Ökonomie
Fokus auf ländliche Versorgung
Strategisch zielt das Unternehmen auf Regionen mit eingeschränkter Nahversorgung. Gerade kleinere Gemeinden profitieren von flexiblen Ladenkonzepten, die auch ohne durchgehendes Personal wirtschaftlich betrieben werden können. Bestehende Tegut-Filialen könnten in dieses Modell integriert und entsprechend angepasst werden.
Damit würde Tante Enso ein Marktsegment adressieren, das für große Handelsketten oft schwer rentabel ist.
Kartellrechtliche Prüfung entscheidend
Sowohl die Verkäufe an Edeka und REWE als auch mögliche Übernahmen durch Tante Enso stehen unter kartellrechtlichem Vorbehalt. Das Bundeskartellamt wird insbesondere regionale Marktanteile und Konzentrationseffekte prüfen. Während Edeka und REWE als marktstarke Player besonders im Fokus stehen dürften, könnte bei Tante Enso die regionale Wettbewerbsdichte entscheidend sein – insbesondere in kleineren Gemeinden mit begrenzter Anbieterzahl.
Gerade in ländlichen Regionen mit begrenztem Wettbewerb spielt die Sicherstellung der Nahversorgung eine wichtige Rolle bei der Bewertung solcher Transaktionen.
Managerwechsel mit Signalwirkung
Besondere Aufmerksamkeit erhält der mögliche Deal durch die Personalie an der Spitze von Tante Enso. Geschäftsführer Thomas Gutberlet leitete zuvor selbst Tegut und kennt die Strukturen des Filialnetzes genau. Der Wechsel vom klassischen Vollsortimenter hin zu einem digitalen Nahversorger-Modell verdeutlicht den strukturellen Wandel im Handel.
Die mögliche Übernahme wäre damit mehr als ein reiner Ausbau – sie könnte ein Signal für die zunehmende Differenzierung im Lebensmitteleinzelhandel sein.


