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Tarifrunde im Einzelhandel: Verdi erhöht vor entscheidender Woche den Druck

Schilder eines verdi Streiks in Berlin
Foto: Fotandy / depositphotos.com

Key takeaways

➟ Vor den nächsten Tarifverhandlungen in Hessen und Nordrhein-Westfalen droht Verdi mit einer Ausweitung der Warnstreiks. Im Zentrum steht die Forderung nach mindestens 14,90 Euro Stundenlohn.

Lesezeit ca. 3 Minuten

Die Tarifrunde im deutschen Einzelhandel geht in eine entscheidende Phase. Vor den fünften Verhandlungsrunden in Hessen am 24. August und Nordrhein-Westfalen am 26. August kündigt Verdi eine Verschärfung der bundesweiten Warnstreiks an, sollten die Arbeitgeber keine Zugeständnisse machen.

Im Zentrum rückt dabei die Bezahlung der unteren Entgeltgruppen. Verdi verlangt ein tarifliches Mindeststundenentgelt von 14,90 Euro und verbindet die Forderung mit der grundsätzlichen Frage, wie attraktiv der Einzelhandel für qualifizierte Beschäftigte bleiben kann.

Gesetzlicher Mindestlohn erhöht den Druck

Seit Januar 2026 liegt der gesetzliche Mindestlohn bei 13,90 Euro je Stunde, Anfang 2027 steigt er auf 14,60 Euro. Der von Verdi geforderte niedrigste Tariflohn läge dann lediglich 30 Cent darüber.

Die Gewerkschaft warnt deshalb davor, dass selbst Beschäftigte mit abgeschlossener Berufsausbildung in einzelnen Tarifgebieten nahe an die gesetzliche Lohnuntergrenze geraten könnten. Ein Berufsabschluss müsse sich auch finanziell auszahlen, argumentiert Verdi-Bundesvorstandsmitglied Silke Zimmer.

Das Problem beschäftigt auch die Arbeitgeberseite. Der Handelsverband Deutschland (HDE) hatte bereits darauf hingewiesen, dass ein steigender Mindestlohn zunehmend in bestehende Tarifgruppen hineinreicht. Werden die unteren Entgelte angehoben, geraten zugleich die Abstände zu höher qualifizierten Tätigkeiten unter Druck.

Verdi fordert deshalb dauerhafte, tabellenwirksame Erhöhungen statt punktueller Entlastungen.

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Arbeitgeber verweisen auf schwierige Geschäftslage

Der HDE warnt dagegen vor zusätzlichen Personalkosten. Zum Auftakt der Tarifrunde hatten in einer Verbandsumfrage 46 Prozent der Handelsunternehmen ihre Geschäftslage als schlecht bezeichnet, lediglich zehn Prozent als gut. Neben der Konsumschwäche verweist der Verband auf hohe Personal-, Energie- und Regulierungskosten.

Zudem seien die Löhne und Gehälter im Einzelhandel bereits zwischen 2023 und 2025 insgesamt um 14 Prozent gestiegen.

Wie weit die Positionen auseinanderliegen, zeigte sich etwa in Baden-Württemberg. Dort boten die Arbeitgeber insgesamt 3,5 Prozent mehr Entgelt bei 24 Monaten Laufzeit an. Verdi verlangte dagegen 300 Euro mehr im Monat sowie 150 Euro zusätzlich für Auszubildende bei zwölf Monaten Laufzeit.

Streit über Verhandlungsstrategie

Zusätzlich belastet ein Konflikt über die bundesweite Koordinierung die Gespräche. Der HDE wirft Verdi vor, mögliche regionale Lösungen zu blockieren. Im Juli sagten Arbeitgeber daraufhin bereits vereinbarte Termine in mehreren Tarifgebieten ab.

Verdi hält an einer bundesweit abgestimmten Strategie fest und fordert die Arbeitgeber zur Rückkehr an sämtliche Verhandlungstische auf. Ein Abschluss in einem großen Tarifgebiet könnte dabei zur Vorlage für weitere Regionen werden.

Umsatz wächst, Beschäftigung sinkt

Die wirtschaftliche Lage der Branche liefert Argumente für beide Seiten. Der deutsche Einzelhandel setzte 2025 real 2,7 Prozent mehr um als im Vorjahr, nominal betrug das Plus 3,8 Prozent. Im Mai 2026 lagen die realen Umsätze 1,8 Prozent über dem Vorjahresmonat.

Gleichzeitig sank die Beschäftigtenzahl im Einzelhandel im April gegenüber dem Vorjahr um 1,8 Prozent. Der HDE beziffert die Zahl der Beschäftigten auf rund drei Millionen und verweist auf einen Rückgang sozialversicherungspflichtiger Stellen seit 2022.

Zusätzlichen Druck erzeugt der Wettbewerb um Arbeitskräfte. Verdi verweist auf Discounter wie Lidl und Aldi, die bereits Einstiegslöhne deutlich oberhalb des gesetzlichen Mindestlohns zahlen.

Hessen und NRW könnten Signal geben

Damit erhalten die Verhandlungen in Hessen und Nordrhein-Westfalen bundesweite Bedeutung. Eine Annäherung könnte den Weg zu Abschlüssen in weiteren Tarifgebieten öffnen. Scheitern auch diese Gespräche, dürfte sich der Arbeitskampf im Spätsommer verschärfen.

Der Streit um 14,90 Euro steht dabei für ein strukturelles Problem: Je näher die gesetzliche Lohnuntergrenze an bestehende Tarifentgelte heranrückt, desto schwieriger wird es, Ausbildung, Berufserfahrung und Verantwortung über ausreichend große Lohnabstände abzubilden.

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