Die finanzielle Schieflage des kanadischen Luxusmodehändlers Ssense spitzt sich offenbar dramatisch zu. Eine Gruppe von Gläubigern unter der Führung der Bank of Montreal hat laut Berichten von Bloomberg beim Superior Court of Quebec beantragt, den Verkauf des Unternehmens in einem beschleunigten Verfahren zu ermöglichen. Ziel ist es, bereits Anfang Oktober erste unverbindliche Angebote zu erhalten.
Zu den weiteren beteiligten Banken zählen unter anderem die Royal Bank of Canada, JPMorgan Chase, die National Bank of Canada sowie die Bank of Nova Scotia. Laut Gerichtsdokumenten belaufen sich die ausstehenden Verbindlichkeiten auf rund 145 Millionen kanadische Dollar (etwa 105 Millionen Euro). Die Gläubiger fordern, dass Ssense unter die Aufsicht eines gerichtlich bestellten Monitors nach dem kanadischen Insolvenzrecht (Companies’ Creditors Arrangement Act, CCAA) gestellt wird.
Vertrauensverlust und kritische Liquiditätslage
Die Banken begründen ihren Schritt mit einem massiven Vertrauensverlust gegenüber dem Management von Ssense. Interne Analysen hätten gezeigt, dass das Unternehmen wesentliche Teile seiner finanziellen Lage – etwa im Bereich der Lagerbestände – unzureichend oder fehlerhaft kommuniziert habe. Im Juli wurde Deloitte als Berater der Gläubiger engagiert, im August kam es zu intensiven Verhandlungen über die Freigabe von 20 Millionen kanadischen Dollar zur Deckung laufender Ausgaben wie Gehälter. Eine Cashflow-Prognose beziffert den kurzfristigen Liquiditätsbedarf bis Ende Oktober auf rund 68 Millionen kanadische Dollar.
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Vom Einhorn zur Notlage
Ssense, gegründet 2003 von der Familie Atallah in Montreal, hatte sich mit einem minimalistischen Onlineauftritt und einer kuratierten Auswahl internationaler Designer einen festen Platz in der Luxusmodewelt erarbeitet. Im Jahr 2021 wurde das Unternehmen mit über 5 Milliarden kanadischen Dollar bewertet. Nun droht der Absturz: Zum 30. Juni beliefen sich die Verbindlichkeiten auf 517 Millionen kanadische Dollar, dem gegenüber standen lediglich 420 Millionen an Vermögenswerten – keine davon frei von Sicherheiten.
Einige Lieferanten seien bereits nicht mehr bezahlt worden. Die von Ssense beauftragte Investmentbank Greenhill & Co. habe zwar einen Refinanzierungsplan vorgelegt, dieser sei von den Banken jedoch als unzureichend abgelehnt worden.
Zwei CCAA-Anträge – Zwei Strategien
Während die Gläubiger den Weg eines schnellen Verkaufs über das Gericht forcieren, wehrt sich das Unternehmen. In einer Stellungnahme teilte Ssense mit, dass man seinerseits einen eigenen Antrag auf CCAA-Schutz stellen werde, um die Kontrolle über das operative Geschäft und die Vermögenswerte zu behalten. Man wolle aktiv für den Fortbestand des Unternehmens kämpfen.


